01 · Sexualität und Forschung

Einleitung

Nach heutigem Wissen ist sie eine Hypothese und kein belegter Befund. Die Erklärung klingt einleuchtend und wird deshalb gern erzählt. Einen direkten Beleg dafür, dass die Nachbarschaft von Fuß und Genitalien im Gehirn einen Fußfetisch verursacht, gibt es in der Forschung, die ich gesichtet habe, bisher nicht. Und es gibt ein paar gute Gründe, skeptisch zu sein.

02 · Sexualität und Forschung

Die Idee in Kürze

In den Vierziger- und Fünfzigerjahren kartierte der Neurochirurg Wilder Penfield, welche Bereiche der Großhirnrinde Berührungen an welchen Körperstellen verarbeiten. Das Ergebnis ist eine Art Landkarte des Körpers im Gehirn, oft als kleines verzerrtes Männchen dargestellt. Auf dieser klassischen Karte liegen die Bereiche für Füße und Genitalien direkt nebeneinander.

Der Neurowissenschaftler Vilayanur S. Ramachandran griff diese Nachbarschaft in den Neunzigerjahren auf. Er vermutete, dass es zwischen benachbarten Bereichen zu einer Art Überschneidung kommen könnte. Ausgangspunkt waren unter anderem Berichte von Menschen mit amputierten Beinen, die beim Sex Empfindungen in ihrem nicht mehr vorhandenen Fuß wahrnahmen. Daraus entstand die Idee, dass eine solche Verbindung auch einen Fußfetisch erklären könnte.

03 · Sexualität und Forschung

Warum die Idee so beliebt ist

Die Hirnkarten-Erklärung hat drei große Vorteile. Sie ist einfach, sie klingt wissenschaftlich, und sie entlastet. Wenn der Fetisch in der Anatomie des Gehirns begründet liegt, trägt niemand Schuld daran. Ich verstehe gut, warum Menschen diese Erklärung mögen. Sie taucht in Artikeln, Podcasts und Videos immer wieder auf, oft ohne den Hinweis, dass sie nie bestätigt wurde. Als Beleg taugt sie trotzdem nicht.

04 · Sexualität und Forschung

Was dagegen spricht

Ich hatte schon lange meine Zweifel an dieser Theorie. Diese Einwände halte ich für die wichtigsten:

  • Es fehlt der direkte Beleg. In der Forschung, die für meine Artikel gesichtet wurde, findet sich keine Studie, die zeigt, dass diese Nachbarschaft bei Menschen einen Fußfetisch verursacht. Auch eine EEG-Studie zu ungewöhnlichen sexuellen Interessen hat diese Frage gar nicht untersucht.
  • Frauen haben dieselbe Hirnkarte. Wenn die Nachbarschaft allein ausschlaggebend wäre, müssten Frauen ebenso häufig einen Fußfetisch haben wie Männer. Nach meiner Erfahrung und nach allen Daten, die ich kenne, ist das nicht so.
  • Schuhe haben keinen Platz auf der Karte. Die Theorie könnte bestenfalls erklären, warum Füße reizen. Warum ein Schuh, ein Stiefel oder ein bestimmtes Material erregt, erklärt sie nicht. Für Menschen wie mich, bei denen die Schuhe im Vordergrund stehen, bleibt sie damit eine Antwort auf die falsche Frage.
  • Die Karte selbst ist nicht in Stein gemeißelt. Neuere Untersuchungen mit bildgebenden Verfahren beschreiben die genaue Lage der Genitalien auf dieser Karte teilweise anders als die klassische Darstellung.
  • Ein Fetisch wirkt über Geschichten. Die Theorie bezieht sich auf Berührung. Viele Menschen mit Fußfetisch reagieren aber zuerst auf den Anblick und auf die Fantasie, die er auslöst.

05 · Sexualität und Forschung

Was die Forschung stattdessen sagt

Eine systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2025 hat 47 Theorien zur Entstehung ungewöhnlicher sexueller Interessen geprüft. Nur sieben davon bewerteten die Forschenden als gut begründet. Diese sieben erklären die Entstehung eher durch ein Zusammenspiel mehrerer Prozesse, etwa Konditionierung, soziales Lernen und die Übertragung von Erregung auf andere Reize. Eine einzelne Ursache nennt keine von ihnen. Lernprozesse gelten als plausibel, auch wenn sie sich beim Menschen kaum direkt nachweisen lassen.

06 · Sexualität und Forschung

Mythos oder Möglichkeit?

Ganz ausschließen lässt sich nicht, dass die Nachbarschaft im Gehirn irgendeine Rolle spielt. Aber als Erklärung für den Fußfetisch ist sie nach heutigem Stand eher eine hübsche Geschichte als eine gesicherte Tatsache. Wer sie weitererzählt, sollte sie deshalb als Hypothese kennzeichnen.

Mich erinnert das an eine andere berühmte Erklärung. Sigmund Freud führte Fetischismus auf eine tiefe Angst aus der frühen Kindheit zurück. Auch diese Theorie war einfach, einflussreich und wurde über Jahrzehnte weitererzählt. Heute gilt sie als stark vereinfachend. Mit der Hirnkarte könnte es ähnlich gehen.

Für die eigentliche Entlastung brauchst du diese Theorie übrigens nicht. Niemand sucht sich aus, was ihn erregt, ganz gleich, auf welchem Weg der Fetisch entstanden ist. Das Warum werden wir vielleicht nie ganz verstehen. Wichtiger ist die Frage, wie du gut mit deinem Fetisch lebst.

Quellen

Quellen

  1. Markus M. Mey: BIN ICH NORMAL? Fuß- und Schuhfetisch verstehen. Erste Edition, meybrands, Berlin 2026. ISBN 9798247074557.
  2. Ramachandran, V. S. & Blakeslee, S. (1998): Phantoms in the Brain. William Morrow, New York.
  3. Waismann, R. et al. (2003): EEG Responses to Visual Erotic Stimuli in Men with Normal and Paraphilic Interests. Archives of Sexual Behavior 32(2). doi:10.1023/A:1022448308791
  4. Schippers, E. E., Hoogsteder, L. M. & de Vogel, V. (2025): Theories on the Etiology of Deviant Sexual Interests: A Systematic Review. Sexual Abuse 37(1). doi:10.1177/10790632241271308
  5. Pfaus, J. G. et al. (2020): Conditioning of Sexual Interests and Paraphilias in Humans Is Difficult to See, Virtually Impossible to Test, and Probably Exactly How It Happens. Archives of Sexual Behavior 49(5). doi:10.1007/s10508-020-01739-2

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