01 · Geschichte & Diagnostik

Einleitung

Nein, ein Fußfetisch ist keine psychische Störung. Das sage ich nicht nur aus über vierzig Jahren Erfahrung mit meinem eigenen Fuß- und Schuhfetisch. Seit 2022 sieht es auch die Weltgesundheitsorganisation so. Ob du dir Sorgen machen solltest, hängt an etwas ganz anderem als an der Frage, was dich erregt.

02 · Geschichte & Diagnostik

Ein Bettlaken und eine Frage, die bleibt

Ich war 19, als ich zum ersten Mal versucht habe, mit einer Freundin über meinen Fetisch zu sprechen. Genauer gesagt habe ich nur gefragt, ob sie ihre Schuhe anlassen könnte. Sie war irritiert und meinte, dann werde ja das Bettlaken schmutzig. Mehr kam nicht, und ich habe das Thema bei ihr nie wieder angesprochen.

Das klingt harmlos. Aus solchen Momenten wächst aber die Frage, die mich selbst lange begleitet hat und die mir später in unzähligen Gesprächen wieder begegnet ist, bei Männern mit Fetisch genauso wie bei ihren Partnerinnen: Bin ich eigentlich normal?

Füße und Schuhe sieht man überall. Sie gehören zum Alltag, und es gibt eine stille Übereinkunft, dass sie nicht erotisch zu sein haben. Wer anders empfindet, fühlt sich schnell falsch, obwohl er niemandem etwas tut. Die Scham kommt dabei selten aus dem eigenen Erleben. Sie kommt aus der Vorstellung, wie andere darauf blicken würden.

03 · Geschichte & Diagnostik

Wie aus einer Diagnose eine Vorliebe wurde

In meinem Bücherregal steht eine Originalausgabe der „Psychopathia Sexualis“ von Richard von Krafft-Ebing, neunte Auflage, 1894. Das Buch war damals ein Nachschlagewerk für Ärzte und Juristen. Fetischismus galt darin als psychische Störung, Füße und Schuhe als Ersatzhandlung, die auf eine Fehlentwicklung hinweise.

Dieses Denken hat lange nachgewirkt. Noch in der ICD-10, dem internationalen Diagnosekatalog der Weltgesundheitsorganisation, stand Fetischismus unter dem Kürzel F65.0 bei den Störungen der Sexualpräferenz. Wer heute im Internet nach seinem Fetisch sucht, landet oft genau bei diesen alten Begriffen. Sie klingen amtlich und endgültig.

Mit der ICD-11, die seit dem 1. Januar 2022 gilt, ist Fetischismus als eigene Diagnose weggefallen. Die Fachleute, die diese Neufassung vorbereitet haben, begründeten das nüchtern: Was einvernehmlich oder allein ausgelebt wird, ist nicht von sich aus schädlich oder belastend. Die amerikanische Psychiatervereinigung APA, die das Diagnosehandbuch DSM herausgibt, zieht eine ähnliche Linie. Sie trennt ein ungewöhnliches sexuelles Interesse klar von einer Störung und betont, dass die meisten Menschen mit solchen Interessen keine psychische Störung haben.

Für mich persönlich hat diese Neubewertung nicht mehr viel verändert, weil ich meinen Frieden längst gefunden hatte. Für alle, die ihre Sexualität noch an den alten Kategorien messen, ist sie eine große Entlastung. Leider hat sie sich bis heute kaum herumgesprochen.

04 · Geschichte & Diagnostik

Wo die Grenze tatsächlich verläuft

Heißt das, ein Fußfetisch kann nie zum Problem werden? Nein. Die ICD-11 lässt eine Diagnose weiterhin zu, allerdings nur unter engen Bedingungen. Etwa wenn jemand selbst deutlich unter seinem Erregungsmuster leidet oder wenn das Verhalten ein ernstes Risiko schwerer Verletzungen mit sich bringt. Und sobald Menschen ohne ihr Einverständnis einbezogen werden, reden wir ohnehin nicht mehr über eine Vorliebe.

In der Formulierung der WHO steckt ein Detail, das ich besonders wichtig finde. Leid, das nur daher kommt, dass andere die Vorliebe ablehnen, zählt dabei nicht. Wer sich vor allem schämt, weil er das Urteil anderer fürchtet, ist deshalb nicht krank.

Ich weiß allerdings auch, wie sich die andere Seite anfühlt. In den Jahren 2017 und 2018 hatte mein Fetisch in meinem Leben zu viel Raum eingenommen, in der Beziehung und in meiner Arbeit. Mein Kopf war so voller Bilder, dass ich beim Sex mit meiner Frau oft nicht mehr abschalten konnte. Wir waren beide unzufrieden. Damals habe ich mir Rat bei einer Psychologin geholt, die sich mit Fetischen gut auskannte. Die Gespräche mit ihr haben mir einen Blick auf meine Sexualität eröffnet, den ich bis heute als befreiend empfinde.

Wenn dich dein Fetisch belastet, ist ein Gespräch mit einer Fachperson aus der Sexualtherapie oder Sexualmedizin also kein Eingeständnis von Krankheit. Einen Fetisch kann man nicht einfach abschalten. Man kann aber lernen, gut mit ihm umzugehen.

05 · Geschichte & Diagnostik

Und wie viele sind wir?

Das weiß niemand genau, auch ich nicht. Bis heute gibt es keine repräsentative Bevölkerungsstudie, die Fuß- und Schuhinteressen getrennt erfasst. In meinem Buch stelle ich eine Untersuchung von Claudia Scorolli und Kollegen aus dem Jahr 2007 vor. Das Team hat 381 Online-Diskussionsgruppen zu Fetischen ausgewertet, und Füße samt allem, was dazugehört, also auch Schuhe und Socken, waren dort die sichtbarste Einzelkategorie.

Das zeigt, wie präsent das Thema ist. Eine Zahl für die Bevölkerung lässt sich daraus aber nicht ablesen, denn Gruppen sind keine Personen, und viele Menschen sind in mehreren Gruppen aktiv. In einer anderen Befragung von 316 Menschen aus Fetisch-Communitys lag die Lebenszufriedenheit im üblichen Rahmen. Auch das ist keine repräsentative Stichprobe, passt aber zu dem, was ich selbst erlebe. Für die allermeisten ist ihr Fetisch weder ein Problem noch eine Last.

06 · Geschichte & Diagnostik

Die bessere Frage

In meinem Buch beschreibe ich Sexualität mit einem einfachen Bild, der Libidose. Das ist eine Art Dose, in der sich im Laufe des Lebens alles sammelt, was uns erregt: Erlebnisse, Erinnerungen, Fantasien, Bilder. Bei den meisten Fetischisten liegt der Fetisch darin neben vielen anderen Dingen. Aussuchen kann man sich den Inhalt nicht.

Deshalb halte ich die Frage „Bin ich normal?“ inzwischen für die falsche. Normalität ist ein statistischer Begriff, und über Verantwortung, Reife oder die Fähigkeit zu einer guten Beziehung sagt sie nichts. Ich lebe seit meiner Jugend mit meinem Fetisch, bin seit vielen Jahren mit meiner Frau zusammen und habe eine Familie. Das eine schließt das andere nicht aus.

Hilfreicher finde ich andere Fragen. Kannst du deinen Fetisch als Teil von dir annehmen? Belastet er dich oder jemanden, der dir nahesteht? Und lebst du ihn so, dass alle Beteiligten einverstanden sind? Wenn du darauf gute Antworten hast, kannst du die Frage nach der Normalität getrost beiseitelegen.

Quellen

Quellen

  1. Markus M. Mey: BIN ICH NORMAL? Fuß- und Schuhfetisch verstehen. Erste Edition, meybrands, Berlin 2026. ISBN 9798247074557.
  2. Richard von Krafft-Ebing: Psychopathia Sexualis. 9. Auflage, Verlag von Ferdinand Enke, 1894.
  3. Giami, A. (2015): Between DSM and ICD: Paraphilias and the Transformation of Sexual Norms. Archives of Sexual Behavior 44(5). doi:10.1007/s10508-015-0549-6
  4. World Health Organization: ICD-11 for Mortality and Morbidity Statistics, Paraphilic disorders (6D30–6D36), Release 2025-01. icd.who.int
  5. Krueger, R. B. et al. (2017): Proposals for Paraphilic Disorders in the International Classification of Diseases and Related Health Problems, Eleventh Revision (ICD-11). Archives of Sexual Behavior. doi:10.1007/s10508-017-0944-2
  6. American Psychiatric Association (2013): Paraphilic Disorders. DSM-5 Fact Sheet. psychiatry.org
  7. Scorolli, C. et al. (2007): Relative prevalence of different fetishes. International Journal of Impotence Research 19(4), 432–437. doi:10.1038/sj.ijir.3901547
  8. Harrison, M. A. & Murphy, B. E. (2021): Sexual fetishes: sensations, perceptions, and correlates. Psychology & Sexuality 13(3). doi:10.1080/19419899.2021.1915368

Im Buch vertiefen

Von der Frage zur eigenen Geschichte.

„Bin ich normal?“ verbindet sachliche Einordnung mit persönlichen Erfahrungen und Perspektiven für Beziehungen.

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