01 · Sexualität

Einleitung

Schämen musst du dich nicht, und seltsam bist du deswegen auch nicht. Scham ist trotzdem ein Gefühl, das sehr viele Menschen mit Fetisch gut kennen. Man wird sie selten los, indem man sie wegdrückt. Leichter wird sie, wenn man versteht, woher sie kommt, und ihr etwas entgegensetzt.

02 · Sexualität

Ich liebe meinen Fetisch

Ich sage das bewusst so deutlich: Ich lebe seit über vierzig Jahren mit meinem Fuß- und Schuhfetisch, und ich liebe ihn. Er hat mich als Fotograf geprägt, meine Beziehungen bereichert und mich mit unzähligen Menschen ins Gespräch gebracht.

Das heißt nicht, dass ich Scham nicht kenne. Als ich mit 19 zum ersten Mal vorsichtig versuchte, meiner damaligen Freundin etwas von meinem Fetisch anzudeuten, reagierte sie irritiert, und ich habe das Thema bei ihr nie wieder angesprochen. Die Frage, ob mit mir etwas nicht stimmt, hat mich in jungen Jahren durchaus beschäftigt. Irgendwann habe ich aufgehört, sie mir zu stellen.

03 · Sexualität

Woher die Scham kommt

Scham fühlt sich sehr persönlich an. Sie ist aber zu einem großen Teil erlernt, und sie hat eine lange Geschichte.

Über Jahrhunderte hat die kirchliche Sexualmoral den westlichen Blick auf den Körper geprägt. Unter dem Einfluss der Philosophie Platons und später von Kirchenvätern wie Augustinus galt der Körper als triebhaft und die Lust als verdächtig. Interessant ist, wie wenig das mit der Bibel selbst zu tun hat. Im Hohelied Salomos besingen sich zwei Liebende mit großer Sinnlichkeit, ohne jede moralische Einschränkung. Die Lustfeindlichkeit kam erst später.

Als die Wissenschaft vor rund 150 Jahren begann, Sexualität systematisch zu ordnen, flossen diese Moralvorstellungen direkt in ihre Kategorien ein. Fetischismus wurde zur Krankheit erklärt. Die Wissenschaft hat dieses Urteil inzwischen korrigiert. In unseren Köpfen wirkt es trotzdem nach.

Und schließlich gibt es die persönlichen Erfahrungen: die erste irritierte Reaktion, der Witz im Freundeskreis, die Zerrbilder aus Filmen. Wer seinen Fetisch nur durch diese Bilder betrachtet, übernimmt fremde Bewertungen und richtet sie gegen sich selbst.

04 · Sexualität

Scham ist nicht dasselbe wie Schuld

Man kann beides so unterscheiden: Schuld bezieht sich auf etwas, das man getan hat. Scham bezieht sich auf das, was man ist. Genau deshalb ist Scham so schwer auszuhalten. Sie sagt nicht „Das war falsch“, sondern „Mit dir stimmt etwas nicht“.

Bei einem Fetisch, den du allein oder einvernehmlich lebst, gibt es keine Schuld, denn du schadest niemandem. Was bleibt, ist Scham, und die richtet sich gegen etwas, das du dir nicht ausgesucht hast. Niemand entscheidet sich bewusst dafür, was ihn erregt.

05 · Sexualität

Scham wirkt bis in den Körper

Scham bleibt nicht im Kopf. Wer seine Fantasien als falsch oder peinlich erlebt, hält sie innerlich zurück, auch beim Sex. Der Körper reagiert auf solche inneren Verbote oft genauso stark wie auf äußere. Bei vielen Männern mit Fetisch zeigt sich das als Spannungsabfall bis hin zu Erektionsproblemen, obwohl sie ihre Partnerin begehren. Umgekehrt kann ein entspannterer Umgang mit dem eigenen Fetisch auch körperlich einiges verändern.

06 · Sexualität

Was gegen Scham hilft

Aus meiner Erfahrung helfen vor allem diese Schritte:

  • Aussprechen. Scham lebt vom Schweigen. Schon ein einziger Mensch, der Bescheid weiß und dich nicht verurteilt, verändert viel.
  • Wissen. Seit 2022 führt die Weltgesundheitsorganisation Fetischismus nicht mehr als eigene Störung. Leid, das nur aus der Ablehnung durch andere entsteht, macht eine Vorliebe ausdrücklich nicht zur Störung.
  • Trennen. Dein Fetisch beschreibt, wie deine Erregung funktioniert. Er beschreibt nicht deinen Charakter, deine Werte oder deine Fähigkeit zu lieben.
  • Nicht vergleichen. Weder mit anderen noch mit einem Idealbild davon, wie Sexualität angeblich zu sein hat.
  • Gleichgesinnte finden. Für viele ist es eine enorme Entlastung zu merken, dass sie mit ihrer Vorliebe nicht allein sind.
  • Unterstützung holen. Wenn Scham dein Leben bestimmt, kann ein Gespräch mit einer Fachperson aus der Sexualtherapie oder Psychotherapie viel bewegen.

07 · Sexualität

Was bleibt

Scham verschwindet selten über Nacht. Sie wird aber leiser, je öfter du erlebst, dass die Katastrophe, die sie dir ausmalt, nicht eintritt. Ich wünsche jedem Menschen mit Fuß- oder Schuhfetisch, dass er irgendwann an den Punkt kommt, an dem er sagen kann: Das gehört zu mir, und das ist gut so.

Quellen

Quellen

  1. Markus M. Mey: BIN ICH NORMAL? Fuß- und Schuhfetisch verstehen. Erste Edition, meybrands, Berlin 2026. ISBN 9798247074557.
  2. World Health Organization: ICD-11 for Mortality and Morbidity Statistics, Paraphilic disorders (6D30–6D36), Release 2025-01. icd.who.int
  3. Giami, A. (2015): Between DSM and ICD: Paraphilias and the Transformation of Sexual Norms. Archives of Sexual Behavior 44(5). doi:10.1007/s10508-015-0549-6

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