01 · Fetischismus & Selbstbild
Einleitung
Du kannst nicht steuern, was andere denken. Du kannst aber entscheiden, wie viel Macht du ihrem Urteil gibst. Das klingt einfacher, als es ist, denn das Bild vom „komischen Fetischisten“ sitzt tief. Umso hilfreicher ist es zu verstehen, woher es kommt, und was du tun kannst, damit es nicht dein eigenes Selbstbild bestimmt.
02 · Fetischismus & Selbstbild
Woher das Bild kommt
Wenn im Alltag von Fetischismus die Rede ist, entstehen sofort Bilder im Kopf: Übertreibung, Fixierung, Kontrollverlust. Diese Bilder stammen selten aus eigener Erfahrung. Sie stammen aus Filmen, Medienberichten und aus dem, worüber nicht gesprochen wird. Was ausgeklammert wird, wirkt automatisch verdächtig.
Das Tückische daran: Wer seinen Fetisch nur durch diese Bilder betrachtet, übernimmt fremde Bewertungen und richtet sie gegen sich selbst. Das Urteil der anderen wird dann zu einem inneren Urteil, das man gar nicht mehr als fremd erkennt. Auch Partnerinnen reagieren oft nicht auf den Fetisch selbst, sondern auf das Bild, das sie davon im Kopf haben.
Dazu kommt eine lange Geschichte. Wer verstehen möchte, warum Sexualität im westlichen Kulturraum bis heute so oft mit Scham und Schuldgefühlen verbunden ist, kommt an der kirchlichen Sexualmoral nicht vorbei. Über Jahrhunderte galt der Körper als verdächtig und Lust als etwas, das vom Wesentlichen ablenkt. Diese Denkweise wirkt bis heute nach, auch bei Menschen, die sich selbst gar nicht als religiös verstehen.
03 · Fetischismus & Selbstbild
Was „komisch“ eigentlich bedeutet
Wenn jemand einen Fußfetisch „komisch“ findet, misst er ihn an einer sozialen Norm. Solche Normen sind ungeschriebene Regeln darüber, was als angemessen gilt. Sie unterscheiden sich von Kultur zu Kultur und verändern sich ständig. Was vor dreißig Jahren noch als anstößig galt, ist heute oft selbstverständlich.
Die Wissenschaft hat sich von vielen dieser Urteile längst verabschiedet. Seit 2022 führt die Weltgesundheitsorganisation Fetischismus nicht mehr als eigene Diagnose. Das Urteil „komisch“ ist also keine Tatsache über dich. Es ist eine Meinung, die oft auf alten Vorstellungen beruht.
04 · Fetischismus & Selbstbild
Meine Erfahrung mit dem Blick von außen
Ich habe meinen Schuhfetisch nie wirklich versteckt. Als Fotograf habe ich jahrelang High-Heel-Serien veröffentlicht, Zeitschriften haben über mich berichtet, und in den Neunzigerjahren saß ich in verschiedenen Talkshows. Dort habe ich deutlich gespürt, wie sehr Fetischismus noch als Kuriosität behandelt wurde. Mir war wichtig, ruhig zu bleiben und mich nicht in die Rolle drängen zu lassen, die manche vielleicht erwartet hatten.
Diese Gelassenheit hat mir mehr geholfen als jede Verteidigungsrede. Wer über seinen Fetisch sachlich und ohne Scham spricht, nimmt anderen viel von ihrem Spott. Das heißt aber nicht, dass du es genauso machen musst. Ich hatte als Künstler einen Freiraum, den nicht jeder hat.
05 · Fetischismus & Selbstbild
Du schuldest niemandem eine Erklärung
Selbstbewusst mit dem eigenen Fetisch umzugehen, heißt nicht, ihn allen zu erzählen. Du darfst entscheiden, wer davon weiß und wer nicht. Deine Partnerin, ein guter Freund, eine Fachperson: Das kann genügen. Kollegen, Nachbarn oder entfernte Bekannte müssen nichts über deine Sexualität wissen, genauso wenig wie du über ihre.
06 · Fetischismus & Selbstbild
Was dein Selbstbild stärken kann
Aus meiner Erfahrung helfen vor allem diese Dinge:
- Wissen statt Vermutung. Wer weiß, wie die Wissenschaft Fetische heute einordnet, lässt sich von Vorurteilen weniger verunsichern.
- Den Fetisch nicht zur ganzen Person machen. Er beschreibt, wie deine Erregung funktioniert, nicht wer du bist. Wer sich nicht nur über seinen Fetisch definiert, ist auch weniger verletzlich, wenn andere ihn bewerten.
- Menschen finden, die verstehen. Das Internet hat vielen die Erfahrung ermöglicht, mit ihrer Vorliebe nicht allein zu sein. Allein das kann enorm entlasten.
- Nicht vergleichen. Weder mit anderen noch mit Idealbildern davon, wie Sexualität angeblich zu sein hat.
- Unterstützung holen, wenn die Scham zu groß wird. Ein Gespräch mit einer Fachperson ist kein Zeichen von Schwäche.
07 · Fetischismus & Selbstbild
Das Stigma ist real, aber es ist nicht deins
Dass Menschen mit ungewöhnlichen sexuellen Vorlieben Abwertung erleben, bildest du dir nicht ein. In einer Befragung von Menschen mit Kink- und Fetischinteressen aus der Region San Francisco berichteten die Teilnehmenden, wie wichtig ihnen eine Behandlung ohne Beschämung ist. Das zeigt, dass Stigma selbst dort eine Rolle spielt, wo man eigentlich Hilfe sucht.
Das Stigma sagt allerdings mehr über die Gesellschaft aus als über dich. Du musst nicht jeden überzeugen. Es reicht, wenn du selbst weißt, dass mit dir alles in Ordnung ist.
Quellen
Quellen
- Markus M. Mey: BIN ICH NORMAL? Fuß- und Schuhfetisch verstehen. Erste Edition, meybrands, Berlin 2026. ISBN 9798247074557.
- World Health Organization: ICD-11 for Mortality and Morbidity Statistics, Paraphilic disorders (6D30–6D36), Release 2025-01. icd.who.int
- Waldura, J. F. et al. (2016): Fifty Shades of Stigma: Exploring the Health Care Experiences of Kink-Oriented Patients. Journal of Sexual Medicine 13(12). doi:10.1016/j.jsxm.2016.09.019
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