01 · Sexualität
Einleitung
Ein Schuhfetisch ist nicht krankhaft. Das gilt spätestens, seit die Weltgesundheitsorganisation Fetischismus 2022 aus der Liste der eigenständigen Diagnosen genommen hat. Ob er „normal“ ist, hängt allerdings davon ab, was man unter normal versteht. Und genau dieses Wort lohnt einen genaueren Blick.
02 · Sexualität
Was heißt eigentlich normal?
Im Alltag benutzen wir „normal“ für zwei ganz verschiedene Dinge, ohne es zu merken.
Die erste Bedeutung ist die soziale Norm. Gemeint sind die ungeschriebenen Regeln einer Gesellschaft, was als angemessen, richtig oder anständig gilt. Solche Normen unterscheiden sich von Kultur zu Kultur und ändern sich ständig. Sie können dazu beitragen, bestimmte Formen der Sexualität abzuwerten, nur weil sie nicht der Erwartung entsprechen.
Die zweite Bedeutung ist die statistische Norm. Sie beschreibt, was in einer Gruppe häufig oder selten vorkommt. Werte in der Nähe des Durchschnitts gelten als „normal“, Werte weit davon entfernt als ungewöhnlich. Über gut oder schlecht sagt das nichts aus. Ein sehr hoher Intelligenzquotient ist statistisch ungewöhnlich, aber niemand würde ihn krankhaft nennen.
Wie häufig Schuhfetische sind, weiß niemand genau. In einer Auswertung von 381 Online-Gruppen zu Fetischen gehörten Füße und Schuhe allerdings zu den sichtbarsten Themen überhaupt. Statistisch gesehen bist du also kein Exot.
Dass sich die soziale Norm trotzdem so hartnäckig hält, hat eine Geschichte. Als die Wissenschaft vor rund 150 Jahren begann, Sexualität systematisch zu ordnen, flossen die Moralvorstellungen der Zeit direkt in ihre Kategorien ein. Viele dieser Urteile hat die Wissenschaft inzwischen revidiert. In den Köpfen vieler Menschen leben sie trotzdem weiter.
Wer fragt, ob sein Schuhfetisch normal ist, vermischt meistens beides. Er meint die statistische Seltenheit und fühlt die soziale Abwertung.
03 · Sexualität
Der Kuss-Vergleich
Ein Beispiel, das ich gern verwende: Küsst ein Mann eine Frau auf den Mund, taucht das in keinem medizinischen Katalog auf. Küsst er dagegen immer wieder ihren Fuß oder ihren Schuh, dann galt er unter der alten Klassifikation ICD-10 als Fetischist mit dem Kürzel F65.0, eingeordnet bei den Störungen der Sexualpräferenz.
Dabei dient beides demselben Zweck. Weder der Kuss auf den Mund noch der Kuss auf den Fuß führt zu einer Schwangerschaft. Beides gehört zum Vorspiel, zur Einstimmung, zur Erregung vor dem eigentlichen Akt. Wer nur das als normal gelten lässt, was der Fortpflanzung dient, müsste konsequenterweise auch den Kuss auf den Mund infrage stellen.
04 · Sexualität
Krankhaft? Was die Handbücher heute sagen
Seit dem 1. Januar 2022 gilt die ICD-11 der Weltgesundheitsorganisation. Fetischismus ist dort keine eigene Diagnose mehr. Eine Diagnose kommt nur noch infrage, wenn jemand deutlich unter seinem Erregungsmuster leidet, und zwar nicht bloß wegen der Ablehnung durch andere, oder wenn ein ernstes Verletzungsrisiko besteht. Auch die amerikanische Psychiatervereinigung APA betont, dass die meisten Menschen mit ungewöhnlichen sexuellen Interessen keine psychische Störung haben.
Die Grenze verläuft also nicht beim Schuh. Sie verläuft beim Leid und beim Einverständnis. Nicht alles, was erregt, ist erlaubt. Sobald andere zu Schaden kommen oder etwas ohne ihre Zustimmung geschieht, ist die rote Linie überschritten, beim Schuhfetisch genauso wie überall sonst.
05 · Sexualität
Warum gerade Schuhe so aufgeladen sind
Schuhe sind mehr als Gebrauchsgegenstände. Sie verändern Haltung, Gang und Körpersprache. Ein hoher Absatz hebt an, ein Stiefel wirkt massiv, ein feiner Pumps elegant. Schuhe machen Präsenz sichtbar, oft ganz ohne bewusstes Zutun der Person, die sie trägt.
Dass Menschen darauf reagieren, ist aus meiner Sicht nicht erstaunlich, sondern fast naheliegend. Unsere ganze Kultur spielt mit der Wirkung von Schuhen, von der Modewerbung bis zum roten Teppich.
06 · Sexualität
Mein eigener Schuhfetisch
Ich lebe seit über vierzig Jahren mit meinem Schuhfetisch, und ich liebe ihn. Er hat mich als Fotograf geprägt, in meinen Beziehungen begleitet und sich im Lauf der Zeit verändert. Mit Anfang 20 reizten mich einfache, günstige High Heels. Durch die Modefotografie wurden es später hochwertige Designerschuhe. Eine Krankheit war er für mich nie. Es gab eine Phase, in der er zu viel Raum eingenommen hat, und ich habe mir damals Rat geholt. Das ist genau der Unterschied, um den es geht.
Ein Schuhfetisch ist keine Krankheit. Er ist eine besondere Art, wie deine Erregung funktioniert. Ob er zu deinem Leben passt, entscheidet nicht eine Statistik, sondern die Frage, wie es dir und den Menschen um dich herum damit geht.
Quellen
Quellen
- Markus M. Mey: BIN ICH NORMAL? Fuß- und Schuhfetisch verstehen. Erste Edition, meybrands, Berlin 2026. ISBN 9798247074557.
- World Health Organization: ICD-11 for Mortality and Morbidity Statistics, Paraphilic disorders (6D30–6D36), Release 2025-01. icd.who.int
- American Psychiatric Association (2013): Paraphilic Disorders. DSM-5 Fact Sheet. psychiatry.org
- Scorolli, C. et al. (2007): Relative prevalence of different fetishes. International Journal of Impotence Research 19(4), 432–437. doi:10.1038/sj.ijir.3901547
- Giami, A. (2015): Between DSM and ICD: Paraphilias and the Transformation of Sexual Norms. Archives of Sexual Behavior 44(5). doi:10.1007/s10508-015-0549-6
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