01 · Sexualität & psychische Gesundheit

Einleitung

Nicht dann, wenn er besonders stark ist, sondern dann, wenn er Leid verursacht. Die Stärke einer Vorliebe, ihre Seltenheit oder die Frage, wie oft du an sie denkst, sind keine Kriterien für eine Störung. Fachleute schauen auf etwas anderes: auf deinen eigenen Leidensdruck, auf Risiken und darauf, ob andere Menschen einverstanden sind.

02 · Sexualität & psychische Gesundheit

Ein Spektrum, keine Schublade

In meinem Buch beschreibe ich Fetischismus als Spektrum. Für manche Menschen ist der Fetisch ein zusätzlicher Reiz unter vielen, für andere ein wichtiger oder sogar der wichtigste Zugang zur Erregung. Beides ist möglich, und beides ist für sich genommen kein Problem.

Auch die Forschung zeigt, wie weit Vorliebe und Belastung auseinanderliegen können. In der Berliner Männerstudie, einer Befragung von mehreren hundert Männern zwischen 40 und 79 Jahren, berichteten deutlich mehr Teilnehmer von ungewöhnlichen sexuellen Fantasien und Interessen, als unter ihnen litten. Die Studie erfasste Fetische nur in breiten Kategorien und stützte sich auf Freiwillige. Sie zeigt aber, dass ein ungewöhnliches Interesse und eine klinische Belastung zwei verschiedene Dinge sind.

03 · Sexualität & psychische Gesundheit

Drei Fragen, auf die es ankommt

Die Weltgesundheitsorganisation hat Fetischismus mit der ICD-11 im Jahr 2022 als eigene Diagnose gestrichen. Eine Diagnose aus dem Bereich der paraphilen Störungen kommt seitdem nur noch infrage, wenn eine von drei Situationen vorliegt.

Erstens: Leidest du selbst deutlich darunter? Gemeint ist ein erheblicher, anhaltender Leidensdruck, der aus dir selbst kommt. Leid, das allein daraus entsteht, dass andere deine Vorliebe ablehnen oder ablehnen könnten, zählt ausdrücklich nicht.

Zweitens: Bringt dein Verhalten ein ernstes Risiko mit sich? Etwa für schwere Verletzungen, bei dir selbst oder bei anderen Beteiligten.

Drittens: Geht es um Menschen, die nicht zugestimmt haben? Sobald andere ohne ihr Einverständnis einbezogen werden, ist eine klare Grenze überschritten.

Das amerikanische Diagnosehandbuch DSM-5 kennt zusätzlich die Beeinträchtigung im Alltag, im Beruf oder in Beziehungen als Kriterium. Auch dort reicht die Vorliebe allein nie für eine Diagnose.

Wichtig ist außerdem: Eine solche Einschätzung entsteht nie aus einem Selbsttest im Internet. Sie entsteht in einem Gespräch mit einer Fachperson, die deine ganze Lebenssituation betrachtet. Wie so eine Abklärung abläuft, beschreibe ich in einem eigenen Beitrag.

04 · Sexualität & psychische Gesundheit

Was allein nicht ausreicht

Viele Menschen machen sich Sorgen wegen Dingen, die fachlich gar keine Rolle spielen:

  • Die Intensität. Ein sehr ausgeprägter Fetisch ist nicht automatisch krankhaft.
  • Die Häufigkeit der Gedanken. Oft an etwas zu denken, das einen erregt, ist menschlich.
  • Die Seltenheit. Ungewöhnlich ist nicht dasselbe wie gestört.
  • Die Scham. Wer sich vor allem schämt, weil andere urteilen könnten, ist deshalb nicht krank.
  • Der frühe Beginn. Wann ein Fetisch zum ersten Mal auftauchte, sagt nichts über seinen heutigen Stellenwert aus.

05 · Sexualität & psychische Gesundheit

Die Graubereiche

Zwischen „alles in Ordnung“ und „klinisch relevant“ liegt ein breiter Bereich, in dem sich ein Fetisch belastend anfühlen kann, ohne dass eine Diagnose passt. Ich habe selbst so eine Phase erlebt. In den Jahren 2017 und 2018 hatte mein Fetisch so viel Raum eingenommen, in unserem Liebesleben und in unserer gemeinsamen Arbeit, dass meine Frau und ich beide unzufrieden waren. Eine Störung war das aus meiner Sicht nicht. Eine Belastung war es trotzdem.

Solche Phasen verdienen Aufmerksamkeit, auch ohne Diagnose. Typische Warnsignale sind, wenn der Fetisch viel Zeit oder Geld verschlingt, wenn die Beziehung immer wieder um dasselbe Thema kreist oder wenn Sex ohne den Fetisch kaum noch möglich ist und das einen von euch unglücklich macht. Ich habe mir damals Rat bei einer Psychologin geholt, und das hat uns beiden sehr geholfen.

06 · Sexualität & psychische Gesundheit

Wann du nicht warten solltest

Es gibt Situationen, in denen jede Überlegung zu Graubereichen fehl am Platz ist. Wenn du merkst, dass du Impulse hast, andere Menschen ohne ihr Einverständnis einzubeziehen, etwa durch heimliche Fotos oder ungefragte Berührungen, dann hol dir sofort professionelle Unterstützung. Das Gleiche gilt, wenn dich Gedanken so quälen, dass du kaum noch arbeiten, schlafen oder Beziehungen führen kannst.

07 · Sexualität & psychische Gesundheit

Die eigentliche Frage

„Bin ich krank?“ ist selten die hilfreichste Frage. Hilfreicher ist diese: „Tut mir das, was ich erlebe, gut, und tut es den Menschen um mich herum gut?“ Wenn du darauf mit Ja antworten kannst, bist du von einem klinischen Problem weit entfernt. Wenn nicht, ist das kein Urteil über dich, sondern ein guter Grund, dir Unterstützung zu holen.

Quellen

Quellen

  1. Markus M. Mey: BIN ICH NORMAL? Fuß- und Schuhfetisch verstehen. Erste Edition, meybrands, Berlin 2026. ISBN 9798247074557.
  2. World Health Organization: ICD-11 for Mortality and Morbidity Statistics, Paraphilic disorders (6D30–6D36), Release 2025-01. icd.who.int
  3. American Psychiatric Association (2013): Paraphilic Disorders. DSM-5 Fact Sheet. psychiatry.org
  4. Ahlers, C. J. et al. (2011): How Unusual are the Contents of Paraphilias? Paraphilia-Associated Sexual Arousal Patterns in a Community-Based Sample of Men. Journal of Sexual Medicine 8(5). doi:10.1111/j.1743-6109.2009.01597.x

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