01 · Sexuelle Gesundheit
Einleitung
In einem ausführlichen Gespräch mit einer Fachperson, nicht mit einem Online-Test. Eine Diagnose entsteht aus deiner ganzen Lebenssituation, nicht aus der Frage, was dich erregt. Und für die meisten Menschen mit einem ungewöhnlichen sexuellen Interesse lautet das Ergebnis am Ende: keine psychische Störung.
02 · Sexuelle Gesundheit
Warum Selbstdiagnosen so oft in die Irre führen
Wer im Internet nach seinem Fetisch sucht, landet schnell bei Begriffen, die amtlich und endgültig klingen. Häufig stammen sie aus der ICD-10, der alten Fassung des Diagnosekatalogs der Weltgesundheitsorganisation, in der Fetischismus noch unter dem Kürzel F65.0 als Störung der Sexualpräferenz geführt wurde. Viele Online-Tests fragen außerdem nur ab, ob dich etwas erregt. Genau das sagt über eine Störung aber am wenigsten aus.
Die Sexualforschung unterscheidet sehr genau zwischen Interesse, Fantasie, Verhalten, Leidensdruck und einer klinischen Diagnose. Ein Test, der nur die erste Ebene misst, kann die letzte nicht beantworten.
Dazu kommt etwas sehr Menschliches. Wenn wir über uns selbst nachdenken, mischen sich immer Gefühle und eigene Erfahrungen hinein. Gerade bei einem schambesetzten Thema fällt es schwer, sich nüchtern zu betrachten. Genau dafür ist der Blick von außen da.
03 · Sexuelle Gesundheit
Was die Handbücher heute sagen
In Deutschland und den meisten Ländern orientieren sich Fachleute an zwei großen Klassifikationen.
Die ICD-11 der Weltgesundheitsorganisation gilt seit dem 1. Januar 2022. Fetischismus ist dort keine eigene Diagnose mehr. Wenn überhaupt, kommt bei allein oder einvernehmlich ausgelebten Vorlieben eine Kategorie für sonstige paraphile Störungen infrage. Voraussetzung ist, dass jemand deutlich unter seinem Erregungsmuster leidet, und zwar nicht bloß, weil andere es ablehnen, oder dass ein ernstes Verletzungsrisiko besteht.
Das DSM-5 der amerikanischen Psychiatervereinigung kennt die fetischistische Störung weiterhin, ausdrücklich auch bezogen auf Körperteile wie Füße. Aber auch hier gilt: Die Vorliebe allein reicht nicht. Es braucht deutliches Leiden oder erhebliche Beeinträchtigungen im Alltag, in der Arbeit oder in Beziehungen.
04 · Sexuelle Gesundheit
Wie eine Abklärung in der Regel abläuft
Einen Bluttest oder einen Hirnscan für einen Fetisch gibt es nicht. Die Abklärung ist vor allem ein Gespräch, oft über mehrere Termine. Typischerweise geht es dabei um Fragen wie diese:
Du musst dabei nicht jedes Detail deiner Fantasien ausbreiten. Eine gute Fachperson fragt nach, was sie wissen muss. Es kann helfen, sich vorher ein paar Notizen zu machen: Was belastet mich genau, seit wann, in welchen Situationen, und was wünsche ich mir von dem Gespräch?
Manchmal kommen Fragebögen hinzu. Bei sexuellen Funktionsproblemen wie Erektionsstörungen gehört außerdem eine ärztliche Untersuchung dazu, weil auch Alter, Medikamente, Stress oder gesundheitliche Ursachen dahinterstecken können.
- Seit wann gibt es die Vorliebe, und wie hat sie sich entwickelt?
- Wie viel Raum nimmt sie im Alltag ein, und fühlt sie sich kontrollierbar an?
- Wie geht es dir damit, und woher kommt ein möglicher Leidensdruck?
- Welche Rolle spielt sie in deiner Beziehung?
- Sind andere Menschen einverstanden, wenn du sie auslebst?
- Gibt es andere Belastungen wie Niedergeschlagenheit, Ängste oder körperliche Beschwerden?
05 · Sexuelle Gesundheit
Wer so etwas abklären kann
Ansprechpartner sind Ärztinnen und Ärzte mit sexualmedizinischer Weiterbildung, Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten mit sexualtherapeutischem Schwerpunkt oder sexualmedizinische Ambulanzen, die es an einigen Universitätskliniken gibt. Auch die Hausärztin oder der Hausarzt kann ein erster Schritt sein und weitervermitteln.
Wichtig ist, jemanden zu finden, der sich mit dem Thema auskennt und nicht urteilt. In einer Befragung von Menschen mit Kink- und Fetischinteressen aus der Region San Francisco wünschten sich die Teilnehmenden genau das: Behandelnde, bei denen man offen sprechen kann, ohne beschämt zu werden. Frag ruhig schon beim ersten Kontakt, ob die Person Erfahrung mit Fetischen hat.
06 · Sexuelle Gesundheit
Was dabei herauskommen kann
Für viele ist das Ergebnis vor allem eine Entlastung. Sie erfahren, dass ihre Vorliebe keine Krankheit ist, und können aufhören, sich selbst zu beobachten. Manchmal stellt sich heraus, dass eigentlich etwas anderes belastet, etwa Scham, eine Beziehungskrise oder eine depressive Phase. Und in einigen Fällen gibt es tatsächlich einen Behandlungsbedarf. Dann ist es gut, ihn zu kennen. Wenn es vor allem um die Beziehung geht, kann es außerdem sinnvoll sein, die Partnerin zu einem gemeinsamen Termin mitzunehmen.
Als ich mir vor einigen Jahren Rat bei einer Psychologin holte, die sich mit Fetischen und BDSM gut auskannte, suchte ich vor allem Klarheit. Die habe ich bekommen, und zwar aus einem Blickwinkel, auf den ich allein nicht gekommen wäre.
Quellen
Quellen
- Markus M. Mey: BIN ICH NORMAL? Fuß- und Schuhfetisch verstehen. Erste Edition, meybrands, Berlin 2026. ISBN 9798247074557.
- World Health Organization: ICD-11 for Mortality and Morbidity Statistics, Paraphilic disorders (6D30–6D36), Release 2025-01. icd.who.int
- American Psychiatric Association (2013): Paraphilic Disorders. DSM-5 Fact Sheet. psychiatry.org
- Kafka, M. P. (2010): The DSM Diagnostic Criteria for Fetishism. Archives of Sexual Behavior 39(2). doi:10.1007/s10508-009-9558-7
- Giami, A. (2015): Between DSM and ICD: Paraphilias and the Transformation of Sexual Norms. Archives of Sexual Behavior 44(5). doi:10.1007/s10508-015-0549-6
- Waldura, J. F. et al. (2016): Fifty Shades of Stigma: Exploring the Health Care Experiences of Kink-Oriented Patients. Journal of Sexual Medicine 13(12). doi:10.1016/j.jsxm.2016.09.019
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