01 · Sexualität & Wohlbefinden

Einleitung

Ja, das kommt vor, und es ist nicht automatisch ein Problem. Sexuelle Fantasien und Erregung können beruhigen, ablenken und für einen Moment Sicherheit geben. Ein Fetisch ist dafür besonders geeignet, weil er zuverlässig wirkt. Schwierig wird es erst, wenn er zur einzigen Strategie wird, mit Angst oder Stress umzugehen, und die eigentlichen Ursachen dadurch unbearbeitet bleiben.

02 · Sexualität & Wohlbefinden

Warum ein Fetisch beruhigen kann

In meinem Buch beschreibe ich eine besondere Eigenschaft von Fetischen: Sie lösen zuverlässig Erregung aus. Genau deshalb werden sie leicht zu einem inneren Fixpunkt. In einer unsicheren Situation greift der Kopf gern auf etwas zurück, das sicher funktioniert. Die vertraute Fantasie wird dann zu einer Art Rückzugsort, an dem die Anspannung für einen Moment nachlässt.

Das ist menschlich. Viele Menschen nutzen Sexualität, Fantasie oder Selbstbefriedigung, um Stress abzubauen, mit oder ohne Fetisch. Solange das eine von mehreren Möglichkeiten bleibt, ist es kein Anlass zur Sorge.

03 · Sexualität & Wohlbefinden

Wann es zum Problem werden kann

Anders sieht es aus, wenn der Fetisch zur wichtigsten oder einzigen Antwort auf schwierige Gefühle wird. Ein paar Warnsignale:

Wenn mehrere dieser Punkte zutreffen, lohnt sich ein genauerer Blick. Dann dient der Fetisch vielleicht weniger der Lust als dem Ausweichen.

  • Du greifst bei jeder Anspannung sofort auf den Fetisch zurück, ohne andere Wege zu versuchen.
  • Die beruhigende Wirkung wird schwächer, und du brauchst mehr oder Intensiveres.
  • Du verbringst mehr Zeit damit, als du eigentlich möchtest, etwa mit Bildern oder Videos.
  • Die Ursachen deines Stresses, etwa Probleme bei der Arbeit oder in der Beziehung, bleiben dauerhaft liegen.
  • Du fühlst dich hinterher oft schlechter als vorher, etwa beschämt oder leer.

04 · Sexualität & Wohlbefinden

Wenn aus Beruhigung Kontrollverlust wird

Die Weltgesundheitsorganisation beschreibt in der ICD-11 eine eigene Diagnose für zwanghaftes Sexualverhalten. Gemeint sind Menschen, die intensive sexuelle Impulse über längere Zeit nicht steuern können, sodass andere Lebensbereiche vernachlässigt werden und selbst negative Folgen nichts daran ändern. Nicht jeder, der sich mit Fantasien beruhigt, ist davon betroffen. Aber wenn du dich in dieser Beschreibung wiedererkennst, ist das ein guter Grund, mit einer Fachperson zu sprechen.

05 · Sexualität & Wohlbefinden

Die eigentliche Frage hinter der Beruhigung

Wer merkt, dass er seinen Fetisch vor allem in angespannten Momenten sucht, kann sich eine hilfreiche Frage stellen: Was genau beruhigt mich daran? Ist es die Erregung selbst, die Ablenkung, das Gefühl von Kontrolle oder eine bestimmte Stimmung in der Fantasie, etwa Geborgenheit, Hingabe oder Stärke?

Die Antwort kann viel verraten. Wenn es etwa um das Gefühl geht, sich fallen lassen zu dürfen, ist das ein Bedürfnis, das auch auf anderen Wegen gestillt werden kann. Viele Fantasien rund um Füße und Schuhe drehen sich um Nähe, Hingabe oder Macht. Diese Themen haben oft mehr mit dem eigenen Leben zu tun, als man zunächst denkt.

06 · Sexualität & Wohlbefinden

Andere Wege, mit Stress umzugehen

Es hilft, sich ein kleines Repertoire an Strategien aufzubauen, damit der Fetisch nicht die einzige Tür bleibt:

  • Bewegung. Ein Spaziergang, Sport oder einfach ein paar Minuten an der frischen Luft.
  • Atmung und Entspannung. Schon einige ruhige, tiefe Atemzüge können die Anspannung spürbar senken.
  • Gespräche. Mit der Partnerin, einem Freund oder einer Freundin über das sprechen, was belastet.
  • Struktur. Probleme, die Stress verursachen, in kleine, machbare Schritte zerlegen.
  • Pausen ohne Bildschirm. Gerade abends helfen Zeiten ohne Handy und ohne ständigen Nachschub an Bildern.

07 · Sexualität & Wohlbefinden

Mein eigener Blick

Ich habe mit meinem Fetisch Phasen erlebt, in denen er fast überall war, in der Beziehung und in der Arbeit. Mein Kopf war damals so voller Bilder, dass ich kaum noch abschalten konnte. Geholfen hat mir schließlich ein neuer Blick auf meine Sexualität, den mir eine erfahrene Psychologin eröffnet hat.

08 · Sexualität & Wohlbefinden

Wann Unterstützung sinnvoll ist

Wenn Angst oder Stress dein Leben stark bestimmen und der Fetisch dir kaum noch hilft oder dich zusätzlich belastet, ist ein Gespräch mit einer Fachperson aus der Psychotherapie sinnvoll. Dort kann es um beides gehen: um die Ursachen der Anspannung und um einen entspannteren Umgang mit deinem Fetisch. Ängste und Stress lassen sich in der Regel gut behandeln, und du musst dafür deinen Fetisch nicht aufgeben.

Quellen

Quellen

  1. Markus M. Mey: BIN ICH NORMAL? Fuß- und Schuhfetisch verstehen. Erste Edition, meybrands, Berlin 2026. ISBN 9798247074557.
  2. World Health Organization: ICD-11 for Mortality and Morbidity Statistics, 6C72 Compulsive sexual behaviour disorder. icd.who.int

Im Buch vertiefen

Von der Frage zur eigenen Geschichte.

„Bin ich normal?“ verbindet sachliche Einordnung mit persönlichen Erfahrungen und Perspektiven für Beziehungen.

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