01 · Sexualität und Fetische

Einleitung

Genau weiß das niemand, und schon die Frage, wie groß der Unterschied wirklich ist, lässt sich nicht sicher beantworten. Nach allem, was ich weiß und in über vierzig Jahren erlebt habe, sind ausgeprägte Fuß- und Schuhfetische bei Männern deutlich häufiger. Ich habe dazu eine eigene These, die mit der Evolution zu tun hat. Sie ist nicht bewiesen, aber es gibt Forschung, die in ihre Richtung weist, und solche, die ihr widerspricht. Beides möchte ich in diesem Artikel ausführlich darstellen. Eines vorweg: Am Wert oder an der Bedeutung einer Vorliebe ändert das Geschlecht nichts.

02 · Sexualität und Fetische

Was die Daten zeigen und was nicht

Belastbare Zahlen gibt es kaum. In einer Online-Studie aus dem Iran gaben 201 Männer, aber nur 6 Frauen einen Objektfetisch an, vier dieser Frauen nannten auch Füße. Die Gruppe ist viel zu klein, um daraus etwas Allgemeines abzuleiten. Eine kanadische Studie mit über 1.000 Teilnehmenden hat Geschlechterunterschiede zwar untersucht, Füße und Schuhe aber mit anderen Objekten zusammengefasst.

Dazu kommt ein methodisches Problem. Wie viele Menschen ein ungewöhnliches Interesse angeben, hängt stark davon ab, wie man fragt. Es ist gut möglich, dass Frauen solche Vorlieben seltener offen nennen, und genauso möglich, dass sie tatsächlich seltener vorkommen. Die Daten können das nicht sauber trennen.

03 · Sexualität und Fetische

Was ich selbst beobachtet habe

In meinem Buch berichte ich von einem Experiment. Zwei Jahre lang führte ich ein Instagram-Profil als heterosexueller Mann mit Stiefelfetisch. Unter rund 1.600 echten Followern waren etwa 1.500 Männer. Frauen mit einem echten sexuellen Schuh- oder Stiefelfetisch haben sich in dieser Zeit genau drei bei mir gemeldet. Das ist keine Studie, deckt sich aber mit allem, was ich im Nachtleben, als Fotograf und in vielen Gesprächen erlebt habe.

04 · Sexualität und Fetische

Meine These: Warum schnelle Erregbarkeit ein Vorteil gewesen sein könnte

Um die These zu verstehen, muss man einen Schritt zurückgehen und fragen, wofür sexuelle Erregung überhaupt entstanden ist. Evolution folgt keinem romantischen oder moralischen Konzept, sondern rein funktionalen Prinzipien. Aus ihrer Sicht dient Sexualität in erster Linie der Fortpflanzung.

Für die Fortpflanzung ist beim Mann eine ganz bestimmte körperliche Voraussetzung zwingend: eine Erektion. Ohne sie kann der sexuelle Akt nicht stattfinden. Bei der Frau ist die biologische Ausgangslage anders. Für eine Empfängnis ist ihre Erregung rein körperlich keine zwingende Voraussetzung. Ich möchte das ausdrücklich einordnen: Das ist eine nüchterne biologische Beschreibung und keine Aussage darüber, wie Sexualität sein sollte. Erfüllte Sexualität braucht die Lust beider, und ohne Einverständnis gibt es keinen Sex. Für die Frage, warum sich männliche und weibliche Erregung im Lauf der Evolution unterschiedlich entwickelt haben könnten, ist diese Asymmetrie aber wichtig.

Meine Vermutung lautet: Weil beim Mann ohne Erregung keine Fortpflanzung möglich ist, dürfte die Evolution Männer begünstigt haben, deren Erregung schnell und zuverlässig ausgelöst werden konnte. Ein Mann, der auf viele verschiedene Reize reagierte, verpasste weniger Gelegenheiten. Ein Mann, dessen Erregung erst unter ganz bestimmten Umständen einsetzte, hatte statistisch schlechtere Karten. Vereinfacht gesagt: Für die Weitergabe der Gene war es günstiger, einmal zu oft erregt zu sein als einmal zu wenig.

Daraus würde folgen, dass bei vielen Männern schon ein einzelner visueller Reiz genügt, um Erregung auszulösen. Der eine reagiert auf Brüste, der nächste auf Beine, ein anderer auf Füße oder Schuhe. Diese schnelle und oft sehr spezifische Erregbarkeit wäre dann keine kulturelle Fehlentwicklung, sondern möglicherweise das Erbe eines evolutionären Vorteils.

Eine kulturelle Beobachtung passt für mich gut dazu. Über Jahrzehnte funktionierten Männermagazine wie der Playboy nach genau diesem Prinzip. Ein einzelnes Foto einer unbekannten Frau genügte, um bei Millionen Männern Erregung auszulösen. Das Gegenstück für Frauen, das Magazin Playgirl, konnte sich nie in ähnlicher Weise durchsetzen.

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Wie aus schneller Erregbarkeit ein Fetisch werden kann

Wichtig ist mir eine Unterscheidung, die oft übersehen wird. Nach meiner These ist nicht der Fetisch selbst der evolutionäre Vorteil. Der Vorteil liegt in der leicht auslösbaren Erregung. Der Fetisch wäre eher ein Nebenprodukt davon.

Ein Erregungssystem, das schnell auf einzelne Reize anspringt und sich leicht mit ihnen verknüpft, verknüpft sich eben manchmal auch mit Reizen, die mit Fortpflanzung direkt gar nichts zu tun haben: mit einem Fuß, einem Schuh, einem Material. Gerade in jungen Jahren, wenn Sexualität noch wenig reflektiert ist, können solche Kopplungen entstehen und sich verfestigen, ohne dass sie bewusst gesteuert werden.

Dabei halte ich es für gut möglich, dass es eine genetische Grundveranlagung gibt, die solche Kopplungen begünstigt. Worauf sich die Erregung dann richtet, ist aber nicht genetisch festgelegt. Ich mache dazu gern ein Gedankenexperiment: Wäre ich als Säugling in einer abgeschiedenen Gemeinschaft im Dschungel aufgewachsen, ohne Kontakt zur westlichen Kultur, hätte ich nie von High Heels erfahren. Ein High-Heel-Fetisch hätte sich gar nicht entwickeln können. Vielleicht wäre es Schmuck geworden oder eine bestimmte Körperbemalung. Das Objekt ist austauschbar, der Mechanismus dahinter nicht.

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Warum ausgerechnet Füße und Schuhe?

Dass sich die Erregung gerade so oft an Füße und Schuhe bindet, hat aus meiner Sicht mehrere Gründe. Füße und Schuhe sind im Alltag ständig sichtbar, sie tragen seit Jahrtausenden Bedeutungen von Demut, Rang und Macht, und sie verändern die Erscheinung eines Menschen.

Zu Letzterem gibt es eine interessante Studie. Ein Forschungsteam um den Psychologen Paul Morris an der Universität Portsmouth ließ Frauen einmal in flachen Schuhen und einmal in High Heels gehen und zeichnete nur die Bewegung von Leuchtpunkten an Gelenken auf. Die Betrachter sahen also keine Schuhe, keine Kleidung, nur den Gang. Trotzdem wurden die Frauen in High Heels deutlich attraktiver eingeschätzt. Die Absätze verkürzten die Schrittlänge und verstärkten die Bewegung der Hüften, also genau die Merkmale, die einen weiblichen Gang ausmachen. Die Forschenden sprechen von einem „übernormalen Reiz“, einer verstärkten Version eines natürlichen Signals. Die Studie war klein, aber der Gedanke passt gut zu meiner Erfahrung: Ein High Heel ist ein Verstärker, und ein Erregungssystem, das auf visuelle Signale anspringt, reagiert auf Verstärker besonders stark.

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Was die Forschung zu visuellen Reizen sagt

Die Frage, ob Männer tatsächlich stärker auf visuelle sexuelle Reize reagieren, ist in der Forschung intensiv untersucht worden, mit gemischten Ergebnissen.

Eine viel zitierte Übersichtsarbeit von Heather Rupp und Kim Wallen aus dem Jahr 2008 kommt zu dem Schluss, dass die Annahme, Männer reagierten stärker auf visuelle sexuelle Reize, empirisch im Großen und Ganzen gestützt wird. Die Autoren betonen aber, dass viele Studien methodische Schwächen haben. Außerdem scheinen Männer stärker auf bestimmte Inhalte der Bilder zu reagieren, Frauen stärker auf den Zusammenhang, in dem etwas gezeigt wird.

Besonders interessant für meine These sind Untersuchungen der kanadischen Sexualforscherin Meredith Chivers. Sie und ihre Kollegen maßen 2004 die körperliche Erregung von Männern und Frauen bei verschiedenen erotischen Filmen. Bei Männern war die Erregung sehr zielgerichtet: Heterosexuelle Männer reagierten vor allem auf Frauen, homosexuelle Männer vor allem auf Männer. Bei Frauen war die körperliche Reaktion dagegen deutlich breiter und weniger an eine bestimmte Kategorie gebunden. Das passt zu der Idee, dass männliche Erregung enger an bestimmte Reize gekoppelt ist.

Es gibt aber auch einen gewichtigen Gegenbefund. Eine Forschungsgruppe am Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in Tübingen hat 2019 insgesamt 61 Hirnbildgebungsstudien mit rund 1.850 Teilnehmenden gemeinsam ausgewertet. Ihr Ergebnis: Die Hirnregionen, die bei visuellen sexuellen Reizen aktiv werden, unterscheiden sich zwischen Männern und Frauen nicht. Das widerspricht der verbreiteten Annahme, dass Männer und Frauen solche Reize im Gehirn grundlegend anders verarbeiten. Wenn es Unterschiede gibt, liegen sie womöglich eher darin, wie Menschen Erregung bewerten, ausleben und darüber sprechen.

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Ein verwandter Gedanke aus der Evolutionspsychologie

Die Logik meiner These erinnert an eine bekannte Theorie der Psychologen Martie Haselton und David Buss aus dem Jahr 2000. Ihre sogenannte Fehlermanagement-Theorie besagt, dass sich die Wahrnehmung im Lauf der Evolution dort systematisch verzerrt hat, wo die Kosten zweier möglicher Fehler ungleich waren. Ein bekanntes Beispiel: Männer überschätzen häufig das sexuelle Interesse von Frauen, vermutlich weil eine verpasste Gelegenheit in der Evolution teurer war als ein Irrtum.

Diese Theorie befasst sich nicht mit Fetischen. Sie zeigt aber, dass solche Überlegungen in der Forschung ernsthaft diskutiert werden. Und sie liefert eine wichtige Mahnung gleich mit: Eine evolutionär entstandene Neigung zur Fehleinschätzung rechtfertigt nichts. Ob jemand Interesse hat, erfragt man, man unterstellt es nicht.

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Die Sicht von Ogas und Gaddam

Die Datenwissenschaftler Ogi Ogas und Sai Gaddam haben für ihr 2011 erschienenes Buch „A Billion Wicked Thoughts“ Millionen von Suchanfragen, Webseiten und erotischen Geschichten ausgewertet. Sie beschreiben männliche Erregung bildhaft als eine Art Oder-Schaltung, bei der schon ein einzelner Reiz genügen kann, weibliche Erregung dagegen als stärker vom Zusammenhang abhängig. Das deckt sich mit meiner These. Das Buch ist allerdings populärwissenschaftlich, nicht von Fachleuten begutachtet, und seine Methoden sind umstritten. Ich verstehe es als interessante Denkrichtung, nicht als Beleg.

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Andere Erklärungen, die ebenfalls eine Rolle spielen können

  • Gesellschaftliche Faktoren. Männer und Frauen lernen oft unterschiedlich, wie offen sie über Sexualität sprechen dürfen. Weibliche Sexualität war lange weniger sichtbar.
  • Lernprozesse. Die am besten begründeten Theorien gehen davon aus, dass mehrere Prozesse zusammenwirken, darunter Konditionierung und soziales Lernen. Ob sie bei Männern und Frauen unterschiedlich verlaufen, ist offen.
  • Eine Forschung mit Schlagseite. Viele klassische Studien zum Fetischismus wurden ausschließlich mit Männern durchgeführt, etwa das bekannte Experiment von Stanley Rachman aus dem Jahr 1966, bei dem junge Männer eine Reaktion auf das Bild eines Stiefels entwickelten. Über Frauen mit Fetisch wissen wir schlicht weniger.

11 · Sexualität und Fetische

Was gegen meine These spricht

Zur Ehrlichkeit gehört auch, die Schwächen meiner These zu benennen. Evolutionäre Erklärungen sind schwer zu überprüfen, denn niemand kann die Vergangenheit im Experiment wiederholen. Kritiker sprechen deshalb manchmal von nachträglich erfundenen Geschichten, die zwar plausibel klingen, sich aber nicht widerlegen lassen. Dazu kommt der Tübinger Befund, dass sich die Hirnreaktion auf visuelle Reize zwischen den Geschlechtern nicht unterscheidet. Und schließlich ist die Datenlage zur Häufigkeit von Fetischen bei Frauen so dünn, dass wir nicht einmal genau wissen, wie groß der Unterschied ist, den wir erklären wollen.

Ich halte meine These trotzdem für schlüssig, weil sie viele Beobachtungen zusammenführt. Aber sie bleibt eine These.

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Vorsicht vor Klischees

Aus Tendenzen werden schnell Klischees, etwa „Männer reagieren nur auf Bilder, Frauen nur auf Gefühle“. Das stimmt so nicht. Innerhalb jedes Geschlechts gibt es riesige Unterschiede. Wer die Unterschiede als grobe Tendenz versteht und nicht als Regel für den Einzelnen, liegt näher an der Wirklichkeit.

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Ändert das Geschlecht die Bedeutung?

Nein. Eine Frau mit einem Fußfetisch ist nicht „ungewöhnlicher“ oder „falscher“ als ein Mann mit demselben Fetisch, nur weil sie seltener ist. Die Weltgesundheitsorganisation führt Fetischismus seit 2022 nicht mehr als eigene Diagnose, und das gilt für alle Geschlechter gleichermaßen. Ob eine Vorliebe zum Problem wird, hängt nicht vom Geschlecht ab, sondern von Leidensdruck, Risiken und Einverständnis.

Wenn du als Frau einen Fuß- oder Schuhfetisch hast, bist du vielleicht seltener, aber nicht allein. Und dein Fetisch sagt genauso wenig über deinen Wert oder deine Weiblichkeit aus wie bei einem Mann über seine Männlichkeit.

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Was bleibt

Meine These lautet zusammengefasst: Männer mussten im Lauf der Evolution schnell und zuverlässig erregbar sein, und ein solches Erregungssystem koppelt sich leicht an einzelne Reize, manchmal eben auch an Füße und Schuhe. Die Forschung liefert dafür Hinweise, aber auch deutliche Gegenargumente. Fetischismus wäre demnach kein Defekt, sondern das Ergebnis einer Wechselwirkung zwischen biologischer Erregbarkeit und kultureller Umgebung. Für das eigene Leben zählt ohnehin weniger das Warum als die Frage, wie du mit deinem Fetisch lebst.

Quellen

Quellen

  1. Markus M. Mey: BIN ICH NORMAL? Fuß- und Schuhfetisch verstehen. Erste Edition, meybrands, Berlin 2026. ISBN 9798247074557.
  2. Shekarchi, R. et al. (2025): Comparison of Psychopathological and Socio-cultural Outcomes Among Distinct Fetishism Subgroups: A Cluster Analysis Approach. Sexuality & Culture 29(4). doi:10.1007/s12119-025-10352-1
  3. Dawson, S. J., Bannerman, B. A. & Lalumière, M. L. (2016): Paraphilic Interests: An Examination of Sex Differences in a Nonclinical Sample. Sexual Abuse 28(1). doi:10.1177/1079063214525645
  4. Joyal, C. C. & Carpentier, J. (2017): The Prevalence of Paraphilic Interests and Behaviors in the General Population: A Provincial Survey. Journal of Sex Research 54(2). doi:10.1080/00224499.2016.1139034
  5. Morris, P. H., White, J., Morrison, E. R. & Fisher, K. (2013): High heels as supernormal stimuli: How wearing high heels affects judgements of female attractiveness. Evolution and Human Behavior 34(3), 176–181.
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  8. Mitricheva, E., Kimura, R., Logothetis, N. K. & Noori, H. R. (2019): Neural substrates of sexual arousal are not sex dependent. PNAS 116(31), 15671–15676. doi:10.1073/pnas.1904975116
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  10. Ogas, O. & Gaddam, S. (2011): A Billion Wicked Thoughts. Dutton, New York.
  11. Rachman, S. (1966): Sexual Fetishism: An Experimental Analogue. The Psychological Record 16(3). doi:10.1007/BF03393671
  12. Schippers, E. E., Hoogsteder, L. M. & de Vogel, V. (2025): Theories on the Etiology of Deviant Sexual Interests: A Systematic Review. Sexual Abuse 37(1). doi:10.1177/10790632241271308
  13. World Health Organization: ICD-11 for Mortality and Morbidity Statistics, Paraphilic disorders (6D30–6D36), Release 2025-01. icd.who.int

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