01 · Sexualität & Elternschaft
Einleitung
Nein. Aus einem frühen Interesse an Füßen oder Schuhen lässt sich nichts für die Zukunft ableiten. Die Forschung kann die Entstehung einer sexuellen Vorliebe bei einem einzelnen Menschen nicht zuverlässig auf bestimmte Erfahrungen zurückführen, und schon gar nicht vorhersagen. Als Eltern müssen Sie daraus also keine Schlüsse ziehen, sondern dürfen gelassen bleiben. Dieser Text richtet sich an Sie als Eltern.
02 · Sexualität & Elternschaft
Warum der Zusammenhang so naheliegend wirkt
Viele Erwachsene mit einem Fuß- oder Schuhfetisch erzählen, dass sie ihn schon in jungen Jahren bemerkt haben. Wer solche Berichte liest, kann leicht den Eindruck bekommen, dass jedes frühe Interesse ein Vorbote sei. Dieser Eindruck täuscht.
Solche Berichte entstehen im Rückblick. Erwachsene erzählen ihre Geschichte vom heutigen Standpunkt aus, und dabei bekommen frühe Szenen eine Bedeutung, die sie damals vielleicht gar nicht hatten. Die vielen Kinder, die sich ebenfalls für Schuhe interessiert haben und später keinen Fetisch entwickelten, erzählen dagegen keine solchen Geschichten. Sie tauchen in keinem Bericht auf.
03 · Sexualität & Elternschaft
Was die Forschung dazu sagt
Eine systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2025 hat 47 Theorien zur Entstehung ungewöhnlicher sexueller Interessen geprüft. Die am besten begründeten gehen davon aus, dass mehrere Prozesse zusammenwirken und sich die Ursache im Einzelfall nicht zuverlässig rekonstruieren lässt. Langzeitstudien, die Kinder bis ins Erwachsenenalter begleiten und beobachten, ob aus einem frühen Interesse ein Fetisch wird, gibt es nicht.
Was Kinder an Schuhen oder Füßen fasziniert, hat im Übrigen meist ganz einfache Gründe: Farben, Geräusche, Materialien, das Spiel mit den großen Schuhen der Eltern. Mit Sexualität im Sinne Erwachsener hat das nichts zu tun.
04 · Sexualität & Elternschaft
Meine eigene Geschichte
Meine Mutter hat mir einmal erzählt, dass ich mit ein oder zwei Jahren in ihren viel zu großen Pfennigabsätzen durch den Flur geschlurft bin. Sie hat mir die Schuhe damals weggenommen, aus Sorge, ich könnte den Absatz abbrechen. Ob diese Szene irgendetwas mit meinem späteren Fetisch zu tun hat, weiß ich nicht. Viele Kinder spielen mit den Schuhen ihrer Eltern, und bei den allermeisten bleibt das ein ganz gewöhnliches Kinderspiel.
Ich glaube auch nicht, dass meine Mutter damals etwas hätte vorhersehen oder beeinflussen können, weder durch Wegnehmen noch durch Erlauben. Genau das möchte ich Eltern mitgeben: Sie müssen hier nichts steuern.
05 · Sexualität & Elternschaft
Was Sie tun können und was nicht
Ein paar Grundsätze helfen, gelassen zu bleiben:
- Nicht deuten. Ein kindliches Interesse ist ein kindliches Interesse. Es braucht keine erwachsene Interpretation.
- Nicht überwachen. Ständiges Beobachten macht Kinder unsicher und kann genau die Scham erzeugen, die Sie vermeiden möchten.
- Nicht lenken wollen. Sie können eine spätere sexuelle Vorliebe weder verhindern noch fördern.
- Grenzen im Umgang mit anderen setzen. Die Füße und Schuhe anderer Menschen gehören ihnen. Anfassen oder Wegnehmen nur mit Erlaubnis, wie bei allem anderen auch.
- Offen bleiben. Wichtig ist vor allem, dass Ihr Kind sich später mit allen Fragen an Sie wenden kann.
06 · Sexualität & Elternschaft
Was Kinder wirklich brauchen
Statt auf ein bestimmtes Interesse zu achten, lohnt es sich, das Große im Blick zu behalten. Kinder brauchen eine altersgerechte, entspannte Begleitung ihrer Entwicklung, auch was den eigenen Körper angeht. Sie brauchen das Wissen, dass ihr Körper ihnen gehört und dass sie Nein sagen dürfen. Und sie brauchen Erwachsene, bei denen keine Frage peinlich ist. Wer das bekommt, ist für jede spätere Entwicklung gut gerüstet.
07 · Sexualität & Elternschaft
Und falls doch?
Falls Ihr Kind als Jugendlicher oder Erwachsener tatsächlich einen Fuß- oder Schuhfetisch entwickelt, ist das kein Grund zur Sorge. Seit 2022 führt die Weltgesundheitsorganisation Fetischismus nicht mehr als eigene Diagnose. Ich selbst lebe seit Jahrzehnten mit meinem Fetisch, bin verheiratet und habe eine Familie. Was jungen Menschen am meisten hilft, ist das Gefühl, von ihren Eltern angenommen zu werden, ganz gleich, wie ihre Sexualität aussieht.
08 · Sexualität & Elternschaft
Wann Sie sich Rat holen sollten
Wenn das Interesse Ihres Kindes sehr stark ist, es im Alltag deutlich einschränkt, mit anderen Auffälligkeiten in der Entwicklung zusammentrifft oder wenn Ihr Kind wiederholt Grenzen anderer überschreitet, sprechen Sie mit der Kinderärztin oder einer Erziehungs- und Familienberatungsstelle. Und achten Sie darauf, wie Erwachsene mit Ihrem Kind umgehen. Wenn jemand auffälliges Interesse an den Füßen Ihres Kindes zeigt oder Fotos machen möchte, nehmen Sie das ernst.
Quellen
Quellen
- Markus M. Mey: BIN ICH NORMAL? Fuß- und Schuhfetisch verstehen. Erste Edition, meybrands, Berlin 2026. ISBN 9798247074557.
- Schippers, E. E., Hoogsteder, L. M. & de Vogel, V. (2025): Theories on the Etiology of Deviant Sexual Interests: A Systematic Review. Sexual Abuse 37(1). doi:10.1177/10790632241271308
- World Health Organization: ICD-11 for Mortality and Morbidity Statistics, Paraphilic disorders (6D30–6D36), Release 2025-01. icd.who.int
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