01 · Sexualität und Fetische
Einleitung
Nach allem, was ich weiß und erlebt habe, meistens nicht. Frauen mit einem echten sexuellen Fuß- oder Schuhfetisch gibt es, sie sind aber deutlich seltener. Und wenn Füße oder Schuhe für Frauen eine erotische Rolle spielen, dann häufig auf eine andere Art: weniger als einzelner Auslöser, mehr über Dominanz, Zusammenhang und Beziehung. Beides ist keine Wertung. Es beschreibt nur unterschiedliche Wege, Lust zu erleben.
02 · Sexualität und Fetische
Wie Männer ihren Fetisch meist erleben
Um den Unterschied zu verstehen, lohnt sich zuerst ein Blick auf die männliche Seite. Viele Männer mit Fuß- oder Schuhfetisch reagieren sehr direkt auf einen einzelnen Reiz. Ein bestimmter Schuh, eine Fußhaltung, ein Absatz, der über den Boden klackt, und schon springt im Kopf eine Fantasie an. Das geschieht unmittelbar, ganz ohne bewusste Entscheidung. Der Reiz wirkt oft auch ohne Beziehung, ohne Vorgeschichte, ohne besondere Stimmung.
03 · Sexualität und Fetische
Was bei Frauen häufiger anders ist
Für viele Frauen entsteht sexuelle Erregung seltener durch ein einzelnes Detail. Sie entsteht eher aus dem Zusammenspiel vieler Faktoren: Situation, Stimmung, Beziehung, Sicherheit und das Gefühl, als ganzer Mensch gemeint zu sein. Das bedeutet nicht, dass Frauen keine Lust auf einen schönen Körper empfinden können. Diese Lust ist aber oft an weitere Bedingungen geknüpft.
Deshalb wirkt ein männlicher Fetisch auf viele Frauen zunächst fremd. Sie fragen sich, wie ein einzelnes Detail eine solche Wirkung haben kann, weil ihre eigene Erregung selten so punktuell ausgelöst wird. In meinem Buch habe ich das in einem Satz zusammengefasst: Der Mann fokussiert einen Reiz, die Frau fühlt sich fokussiert.
Auch die Forschung beschreibt einen solchen Unterschied. Die kanadische Sexualforscherin Meredith Chivers und ihre Kollegen fanden 2004, dass die körperliche Erregung von Männern stark an bestimmte Kategorien von Reizen gebunden war, während die von Frauen deutlich breiter und weniger festgelegt ausfiel. Eine Übersichtsarbeit von Heather Rupp und Kim Wallen kam 2008 zu dem Schluss, dass Männer im Durchschnitt stärker auf visuelle sexuelle Reize reagieren, Frauen stärker auf den Zusammenhang. Es gibt aber auch Gegenbefunde: Eine Auswertung von 61 Hirnbildgebungsstudien aus dem Jahr 2019 fand keine Geschlechterunterschiede in der Hirnreaktion auf visuelle sexuelle Reize.
04 · Sexualität und Fetische
Wie Frauen Schuhe erotisch erleben können
Für mein Buch habe ich über zwei Jahre ein Instagram-Profil mit Stiefelfetisch geführt. Unter rund 1.600 echten Followern haben sich genau drei Frauen mit einem echten sexuellen Schuh- oder Stiefelfetisch bei mir gemeldet. Diese Beobachtung hat mich zu einer Unterscheidung geführt, die ich für zentral halte. Eine erotische Wirkung von Schuhen entfaltet sich bei Frauen überwiegend über Dominanz, Kontext und Beziehung, nicht über den Schuh als isolierten Auslöser.
Viele Frauen erleben High Heels oder Stiefel als Ausdruck von Stärke, Eleganz oder Selbstbewusstsein. Sie fühlen sich darin anders, aufrechter, präsenter. Das kann sehr sinnlich sein, ohne dass der Schuh selbst die Erregung auslöst. Er ist eher ein Werkzeug, das eine bestimmte Rolle oder Stimmung möglich macht.
05 · Sexualität und Fetische
Sind Fetischisten Frauen ähnlicher, als man denkt?
In meinem Buch stelle ich eine Arbeitsthese auf, die viele überrascht. Ich beschreibe einen Fetisch in vier Ebenen: dem Auslöser, der Fantasie, die er in Gang setzt, der körperlichen Erregung und schließlich der Handlung. Der Kern liegt in der zweiten Ebene, in der inneren Geschichte. Viele Männer ohne Fetisch erleben Sexualität dagegen sehr unmittelbar körperlich, die Fantasie spielt eine geringere Rolle. Wenn weibliche Erregung stärker über Kontext, Stimmung und innere Bilder entsteht, dann sind Fetischisten mit ihrer stark fantasiebasierten Erregung Frauen womöglich ähnlicher als Männern ohne Fetisch. Beweisen kann ich das nicht. Aber der Gedanke hilft, Fetischismus nicht als Abweichung zu sehen, sondern als eine besondere Form, Sexualität innerlich zu verarbeiten.
06 · Sexualität und Fetische
Die Lust an der Wirkung
Und dann gibt es noch eine Form, die viele Männer überrascht. Eine junge Frau hat mir einmal erzählt, dass sie weder Füße noch Schuhe erregend fand. Erregend fand sie die Macht, die Erregung ihres Partners bewusst steigern oder abflachen zu können. Sie teilte den Fetisch nicht, aber sie genoss die Wirkung, die sie damit hatte.
Ich halte das für eine der schönsten Brücken zwischen einem Mann mit Fetisch und einer Frau ohne. Sie muss nicht empfinden wie er. Es reicht, wenn sie Freude an dem gemeinsamen Spiel findet, auf ihre eigene Art.
07 · Sexualität und Fetische
Und Frauen mit echtem Fetisch?
Es gibt sie, auch wenn sie selten sind. In einer Online-Studie aus dem Iran gaben unter den Teilnehmenden mit einem Objektfetisch zwar 201 Männer, aber nur 6 Frauen an. Vier dieser Frauen nannten dabei auch Füße. Die Zahl ist viel zu klein, um daraus etwas über das Erleben dieser Frauen abzuleiten. Über Frauen mit Fußfetisch wissen wir schlicht sehr wenig, auch weil viele klassische Studien ausschließlich mit Männern gearbeitet haben.
Wenn du als Frau einen Fuß- oder Schuhfetisch hast, der sich ganz ähnlich anfühlt wie bei vielen Männern, ist das genauso in Ordnung. Seltenheit sagt nichts über Richtigkeit.
08 · Sexualität und Fetische
Eine neue Generation
Interessant finde ich, dass sich die Reaktionen von Frauen auf Fetische gerade verändern. Viele junge Frauen sind mit dem Gefühl aufgewachsen, dass ihre eigenen Wünsche und Grenzen legitim sind, und sie haben Zugang zu Informationen, die es früher nicht gab. Ihre erste Reaktion auf einen Fetisch ist deshalb häufiger Neugier als Ablehnung. Das heißt nicht, dass sie ihn teilen. Aber sie begegnen ihm offener.
09 · Sexualität und Fetische
Was das für Paare bedeutet
Wenn du einen Fuß- oder Schuhfetisch hast, erwarte nicht, dass deine Partnerin ihn genauso empfindet wie du. Nach meiner Erfahrung tun das die wenigsten Frauen. Bezieh den Fetisch auf sie, nicht auf Füße oder Schuhe im Allgemeinen, und lass ihr Raum, ihren eigenen Zugang zu finden. Für viele Frauen wird ein Fetisch erst dann reizvoll, wenn sie sich darin nicht reduziert, sondern gemeint fühlen.
Quellen
Quellen
- Markus M. Mey: BIN ICH NORMAL? Fuß- und Schuhfetisch verstehen. Erste Edition, meybrands, Berlin 2026. ISBN 9798247074557.
- Chivers, M. L., Rieger, G., Latty, E. & Bailey, J. M. (2004): A sex difference in the specificity of sexual arousal. Psychological Science 15(11), 736–744. doi:10.1111/j.0956-7976.2004.00750.x
- Rupp, H. A. & Wallen, K. (2008): Sex differences in response to visual sexual stimuli: A review. Archives of Sexual Behavior 37(2), 206–218.
- Mitricheva, E., Kimura, R., Logothetis, N. K. & Noori, H. R. (2019): Neural substrates of sexual arousal are not sex dependent. PNAS 116(31), 15671–15676. doi:10.1073/pnas.1904975116
- Shekarchi, R. et al. (2025): Comparison of Psychopathological and Socio-cultural Outcomes Among Distinct Fetishism Subgroups: A Cluster Analysis Approach. Sexuality & Culture 29(4). doi:10.1007/s12119-025-10352-1
Im Buch vertiefen
Von der Frage zur eigenen Geschichte.
„Bin ich normal?“ verbindet sachliche Einordnung mit persönlichen Erfahrungen und Perspektiven für Beziehungen.
Das deutsche Buch ansehen
Dieser Beitrag darf Kreise ziehen
Gutes Wissen wird stärker, wenn es geteilt wird.
Verlinke diesen Originalartikel als weiterführende Quelle – mit einem Klick kopierst du die eindeutige Adresse.
