01 · Sexualität und Geschichte
Einleitung
Er ist alles andere als modern. Menschen haben Füßen und Schuhen seit Jahrtausenden besondere Bedeutungen zugeschrieben, in Religion, Kunst, Mode und Erotik. Neu sind vor allem die Begriffe, mit denen wir heute darüber sprechen, und die Sichtbarkeit, die das Internet geschaffen hat. Der Fetisch selbst steht in einer sehr langen Tradition.
02 · Sexualität und Geschichte
Ein altes Menschheitsthema
Wenn heute über Fetischismus gesprochen wird, klingt es oft so, als sei er eine Folge von Internet, Medienüberfluss oder sexueller Freizügigkeit. Diese Vorstellung ist verständlich, aber historisch nicht haltbar. In meinem Buch widme ich diesem Thema ein eigenes Kapitel, denn ein Blick weit zurück verändert den Maßstab.
Eines der ältesten bekannten Zeugnisse menschlicher Sexualdarstellung ist die kleine Skulptur der Liebenden von Ain Sakhri, die vor etwa zehntausend Jahren entstand. In frühen Hochkulturen wie bei den Sumerern war Sexualität Teil religiöser Rituale, etwa rund um die Göttin Inanna. Sexualität war nie nur Fortpflanzung. Sie war immer auch Ausdruck von Macht, Zugehörigkeit, Symbolik und Sinnlichkeit.
03 · Sexualität und Geschichte
Füße und Schuhe als Zeichen
Füße und Schuhe hatten in vielen Kulturen eine besondere Bedeutung. In der religiösen Kunst früherer Jahrhunderte standen Füße für Demut, für Nähe zur Erde oder für Unterwerfung. Schuhe zeigten Rang und Macht. Wer besondere Schuhe trug, zeigte damit Reichtum oder soziale Stellung.
Ein extremes Beispiel ist die chinesische Tradition des Füßebindens. Über Jahrhunderte mussten Frauen dabei große Qualen ertragen, damit ihre Füße klein blieben, denn kleine Füße galten als besonders begehrenswert. Diese Praxis existiert heute glücklicherweise nicht mehr. Sie zeigt aber, wie stark Füße kulturell und erotisch aufgeladen sein konnten, weit über ihre bloße Funktion hinaus.
Auch in Märchen spielt der Schuh eine wichtige Rolle. Im Aschenputtel ist es ein Schuh, an dem der Prinz die Frau wiedererkennt, die er sucht. Der passende Schuh wird dort zum Zeichen dafür, dass zwei Menschen zusammengehören.
04 · Sexualität und Geschichte
Wie aus Bedeutung ein Begriff wurde
Der Begriff „Fetisch“ selbst stammt aus der Religionsethnologie. Er geht auf das portugiesische „feitiço“ zurück, was so viel wie Zauber bedeutet, und bezeichnete ursprünglich Gegenstände, denen man besondere Kräfte zuschrieb. Erst im 19. Jahrhundert wurde er auf die Sexualität übertragen.
1887 tauchte er in diesem Sinn erstmals in den Arbeiten des französischen Psychologen Alfred Binet auf. Kurz darauf beschrieb Richard von Krafft-Ebing in seiner „Psychopathia Sexualis“ zahlreiche Fälle von Fetischismus, darunter auch Schuh- und Fußfetische. Ich besitze eine Originalausgabe der neunten Auflage von 1894. Krafft-Ebing betrachtete Fetischismus überwiegend als psychische Störung, geprägt von den Moralvorstellungen seiner Zeit. Später versuchte Sigmund Freud, ihn aus der frühen Kindheit heraus zu erklären.
In der Fachliteratur gibt es sogar einen eigenen Begriff für den Schuhfetisch, der auf einen französischen Schriftsteller des 18. Jahrhunderts zurückgeht: Retifismus, benannt nach Nicolas-Edme Rétif, dessen Faszination für Frauenschuhe in seinen Werken deutlich wird.
05 · Sexualität und Geschichte
Von der Diagnose zur Vielfalt
Mit der wissenschaftlichen Benennung begann eine neue Phase. Was zuvor kulturell, rituell oder ästhetisch verstanden wurde, wurde nun kategorisiert und bewertet. Das brachte Wissen, aber auch Verengung. Aus gelebter Vielfalt wurde ein Sonderfall. Dabei ging oft verloren, dass die Fähigkeit, bestimmten Reizen eine besondere Bedeutung zuzuschreiben, zutiefst menschlich ist. Sie begleitet uns seit Anbeginn. Noch in der ICD-10 stand Fetischismus bei den Störungen der Sexualpräferenz. Erst mit der ICD-11, die seit 2022 gilt, hat die Weltgesundheitsorganisation Fetischismus als eigene Diagnose gestrichen.
06 · Sexualität und Geschichte
Was das Internet verändert hat
Neu in unserer Zeit ist vor allem die Sichtbarkeit. In den Neunzigerjahren wurde Fetischismus in Talkshows noch als Kuriosität behandelt. Ich habe das selbst erlebt. Heute können Menschen mit ähnlichen Vorlieben sich weltweit finden und austauschen. Das hat den Fetisch nicht erfunden, es hat ihn nur sichtbarer gemacht.
07 · Sexualität und Geschichte
Was bleibt
Der Fuß- und Schuhfetisch steht in einer langen Tradition. Füße tragen Bewegung und Nähe zur Erde, Schuhe verändern Haltung und Präsenz. Dass diese Wirkung auch erotisch erfahren werden kann, ist kein Bruch mit der Geschichte, sondern ihre Fortsetzung unter anderen Vorzeichen. Wer sich mit seinem Fetisch allein fühlt, darf wissen: Er gehört zu einer sehr alten menschlichen Erfahrung.
Quellen
Quellen
- Markus M. Mey: BIN ICH NORMAL? Fuß- und Schuhfetisch verstehen. Erste Edition, meybrands, Berlin 2026. ISBN 9798247074557.
- Richard von Krafft-Ebing: Psychopathia Sexualis. 9. Auflage, Verlag von Ferdinand Enke, 1894.
- Alfred Binet (1887): Le fétichisme dans l’amour. Revue philosophique de la France et de l’étranger 24.
- Kunjukrishnan, R., Pawlak, A. & Varan, L. R. (1988): The Clinical and Forensic Psychiatric Issues of Retifism. Canadian Journal of Psychiatry 33(9). doi:10.1177/070674378803300907
- Giami, A. (2015): Between DSM and ICD: Paraphilias and the Transformation of Sexual Norms. Archives of Sexual Behavior 44(5). doi:10.1007/s10508-015-0549-6
- World Health Organization: ICD-11 for Mortality and Morbidity Statistics, Paraphilic disorders (6D30–6D36), Release 2025-01. icd.who.int
Im Buch vertiefen
Von der Frage zur eigenen Geschichte.
„Bin ich normal?“ verbindet sachliche Einordnung mit persönlichen Erfahrungen und Perspektiven für Beziehungen.
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