01 · Sexualität
Einleitung
Nicht, indem du gegen sie kämpfst. Gedanken, die man mit aller Kraft wegdrücken will, kommen nach meiner Erfahrung eher hartnäckiger zurück. Mehr Raum für anderes entsteht, wenn du verstehst, woraus die Gedanken ihre Kraft ziehen, und deinem Leben bewusst andere Schwerpunkte gibst. Und wenn sich die Gedanken fremd oder quälend anfühlen, gehört das in fachliche Hände.
02 · Sexualität
Warum sich ein Fetisch so in den Vordergrund drängt
Ein Fetisch hat eine besondere Eigenschaft: Er löst zuverlässig Erregung aus. Genau deshalb wird er leicht zum Fixpunkt. Der Kopf kehrt immer wieder zu dem zurück, was sicher funktioniert, und alles andere erscheint zweitrangig. In meinem Buch nenne ich das einen Denkfehler. Man schreibt dem Fetisch mehr Bedeutung zu, als ihm tatsächlich zukommt.
Das heißt nicht, dass man ihn kleinreden sollte. Wer versucht, seinen Fetisch als unwichtig abzutun, erzeugt nur inneren Widerstand. Es geht eher darum, ihn an den Platz zu stellen, der ihm gebührt. Er ist ein Teil deiner Sexualität, nicht dein ganzes Leben.
03 · Sexualität
Was man nährt, wächst
In meinem Buch beschreibe ich Sexualität mit dem Bild der Libidose, einer Art Dose, in der sich alles sammelt, was uns erregt. Löschen lässt sich darin nichts. Als Erwachsene können wir aber durch Wiederholung beeinflussen, welche Inhalte an Gewicht gewinnen.
Das habe ich selbst erlebt. Durch meine Arbeit als Modefotograf war ich jahrelang von teuren Designerschuhen umgeben. Die günstigen High Heels, die mich mit Anfang 20 gereizt hatten, verloren dadurch nach und nach ihren Reiz. Was ich täglich sah und lebte, hat meinen Fetisch geformt. Später wurde es so viel, dass mein Kopf kaum noch zur Ruhe kam, selbst im Schlafzimmer nicht.
Auch in der Forschung gelten Lernprozesse als plausibler Weg, auf dem sich sexuelle Vorlieben formen, selbst wenn sie sich beim Menschen kaum direkt nachweisen lassen. Umgekehrt gilt deshalb auch: Wer seinen Kopf nicht ständig mit neuen Bildern füttert, gibt den Gedanken weniger Nahrung.
Früher musste man sich Bilder mühsam zusammensuchen. Heute sind sie mit einem Wisch verfügbar. Das macht es leichter, sich zu informieren und Gleichgesinnte zu finden. Es macht es aber auch leichter, in einer Schleife zu landen, aus der man kaum noch herausfindet.
04 · Sexualität
Kleine Schritte, die helfen können
Aus meiner Erfahrung gibt es ein paar Dinge, die den Gedanken einen Teil ihrer Macht nehmen:
- Gedanke ist nicht Handlung. Einen Gedanken zu haben bedeutet nicht, etwas tun zu müssen. Diese Unterscheidung allein kann schon Druck nehmen.
- Den Nachschub reduzieren. Stundenlange Bilder, Videos und Profile halten die Schleife am Laufen. Bewusste Pausen davon können einen spürbaren Unterschied machen.
- Dem Fetisch einen festen Platz geben. In der Beziehung oder in einer bewusst gelebten Fantasie. Was einen Ort hat, muss nicht überall sein.
- Andere Quellen von Freude stärken. Bewegung, Menschen, Projekte, Genuss. Je reicher dein Leben ist, desto weniger Raum bleibt für eine Endlosschleife.
- Nicht mit dir schimpfen. Scham und Selbstvorwürfe halten die Gedanken nur noch fester.
- Darüber reden. Was man allein mit sich herumträgt, wird oft größer, als es ist.
05 · Sexualität
Wenn sich die Gedanken fremd anfühlen
Es gibt einen wichtigen Unterschied. Fetischgedanken, die dich erregen, aber zu viel Raum einnehmen, sind etwas anderes als Gedanken, die sich aufdrängen, obwohl sie dich gar nicht reizen. Wenn sie dir Angst machen, dich abstoßen oder du ständig das Gefühl hast, etwas dagegen tun zu müssen, kann etwas anderes dahinterstecken als ein Fetisch.
In diesem Fall solltest du dir Unterstützung bei einer Fachperson aus der Psychotherapie holen. Auch aus Sicht der Weltgesundheitsorganisation ist nicht die Vorliebe selbst entscheidend, sondern ob du deutlich darunter leidest. Das Gleiche gilt, wenn die Gedanken deinen Alltag spürbar einschränken, du nicht mehr arbeiten kannst oder deine Beziehung darunter leidet. Eine gute Fachperson kann unterscheiden, was hinter den Gedanken steckt, und mit dir einen Weg finden.
06 · Sexualität
Mehr Raum ist möglich
Viele Männer, mit denen ich gesprochen habe, beschreiben es so: Der Fetisch verliert nicht seine Wirkung, aber er verliert seine Dominanz. Er wird zu einem Teil des Lebens, statt alles zu überlagern. Bei mir kam diese Veränderung nicht durch Verdrängen. Sie kam durch einen neuen Blick auf meine Sexualität, den mir die Gespräche mit einer erfahrenen Psychologin eröffnet haben. Die Frage „Wie werde ich diese Gedanken los?“ wurde dabei abgelöst von einer besseren: „Wie gehe ich gut mit ihnen um?“
Quellen
Quellen
- Markus M. Mey: BIN ICH NORMAL? Fuß- und Schuhfetisch verstehen. Erste Edition, meybrands, Berlin 2026. ISBN 9798247074557.
- World Health Organization: ICD-11 for Mortality and Morbidity Statistics, Paraphilic disorders (6D30–6D36), Release 2025-01. icd.who.int
- Pfaus, J. G. et al. (2020): Conditioning of Sexual Interests and Paraphilias in Humans Is Difficult to See, Virtually Impossible to Test, and Probably Exactly How It Happens. Archives of Sexual Behavior 49(5). doi:10.1007/s10508-020-01739-2
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