01 · Fetischismus

Einleitung

Möglich ist das, belegt ist es für den Fuß- oder Schuhfetisch aber nicht. Was sich sagen lässt: Wiederholung beeinflusst, welches Gewicht bestimmte Reize in unserer Sexualität bekommen, und Online-Inhalte bieten sehr viel Wiederholung. Ob sie einen Fetisch verstärken oder einen vorhandenen nur sichtbarer machen, ist eine offene Frage. Wenn du merkst, dass sich dein Fokus verschiebt, lohnt sich ein ehrlicher Blick darauf.

02 · Fetischismus

Was das Internet verändert hat

Als ich jung war, gab es für Menschen mit einem Fetisch kaum Möglichkeiten, sich zu informieren oder auszutauschen. Anfang der Neunzigerjahre musste man Bücher lesen, wenn man etwas über die Fantasien anderer erfahren wollte. Heute sind Bilder, Videos, Foren und Communitys mit wenigen Klicks erreichbar.

Das hat viel Gutes bewirkt. Viele Menschen haben erst durch das Internet erfahren, dass sie mit ihrer Vorliebe nicht allein sind. Fetischismus ist sichtbarer geworden, in Communitys, in der Popkultur, in der Mode. Wie groß und vernetzt diese Welt ist, zeigt eine Auswertung der Fetisch-Plattform FetLife: Anfang 2014 zählte sie dort allein über 500.000 europäische Profile. Über die Verbreitung in der Bevölkerung sagt das nichts, über die Größe des Angebots aber eine Menge. Man kann darin leicht versinken.

03 · Fetischismus

Was Wiederholung bewirkt

In meinem Buch beschreibe ich Sexualität mit dem Bild der Libidose, einer Art Dose, in der sich alles sammelt, was uns erregt. Was einmal darin liegt, lässt sich nicht bewusst herausnehmen. Als Erwachsene können wir aber durch Wiederholung und Ausleben beeinflussen, welche Inhalte an Gewicht gewinnen.

Das habe ich an mir selbst erlebt. Was ich über Jahre als Fotograf täglich gesehen habe, hat meinen Geschmack deutlich verändert. Auch in der Forschung gelten Lernprozesse als plausibler Weg, auf dem sich sexuelle Vorlieben formen, selbst wenn sie sich beim Menschen kaum direkt nachweisen lassen. Es liegt also nahe, dass intensiver Konsum bestimmter Inhalte auch den eigenen Fokus verschieben kann.

04 · Fetischismus

Die Frage nach Henne und Ei

Allerdings gibt es einen wichtigen Haken. Wer einen Fußfetisch hat, sucht auch gezielt nach passenden Inhalten. Ob die Inhalte den Fetisch verstärkt haben oder ob ein vorhandener Fetisch einfach seinen Weg zu ihnen gefunden hat, lässt sich im Nachhinein kaum auseinanderhalten.

Studien, die genau diese Frage für Fuß- oder Schuhfetische untersuchen, sind mir nicht bekannt. Deshalb halte ich nichts von einfachen Erklärungen wie „Das Internet hat dich zum Fetischisten gemacht“. Viele Männer beschreiben ihren Fetisch als etwas, das schon immer da war, oft lange bevor es das Internet überhaupt gab.

05 · Fetischismus

Woran du eine Verschiebung bemerken kannst

Wenn du dich fragst, ob sich dein Fokus durch Online-Nutzung verändert hat, können dir diese Beobachtungen helfen:

Keiner dieser Punkte beweist etwas. Wenn mehrere davon zutreffen, ist das aber ein Signal, genauer hinzuschauen.

  • Die Inhalte, die dich reizen, werden immer spezieller oder extremer.
  • Du brauchst mehr oder Intensiveres, um erregt zu werden.
  • Sex mit deiner Partnerin fühlt sich im Vergleich weniger reizvoll an.
  • Du verbringst deutlich mehr Zeit damit, als du eigentlich möchtest.
  • Du verheimlichst deinen Konsum immer mehr.

06 · Fetischismus

Fertige Bilder und eigene Fantasie

Nach über vierzig Jahren mit meinem Fetisch bin ich überzeugt, dass die eigentliche Erregung in der Fantasie entsteht, in der kleinen Geschichte, die sich um einen Fuß oder Schuh herum im Kopf entspinnt. Online-Inhalte liefern diese Geschichten fertig mit. Das kann reizvoll sein. Es kann der eigenen Fantasie aber auch Raum nehmen und die Messlatte immer weiter nach oben schieben.

Ich spreche da auch aus Erfahrung. Meine Frau und ich haben über Jahre gemeinsam Fotos und Videos zu diesem Thema produziert. In einer Phase, in der das Thema unser Liebesleben und unsere Arbeit gleichzeitig bestimmte, war mein Kopf so voller Bilder, dass ich selbst im Schlafzimmer kaum noch abschalten konnte.

07 · Fetischismus

Was du tun kannst

Wenn du merkst, dass dir der Konsum nicht guttut, helfen oft schon kleine Schritte. Leg bewusste Pausen ein und beobachte, was sich verändert. Gib deiner eigenen Fantasie wieder mehr Raum. Sprich mit deiner Partnerin darüber, was euch beiden guttut. Und wenn du das Gefühl hast, die Kontrolle zu verlieren, oder wenn dich dein Konsum belastet, ist ein Gespräch mit einer Fachperson aus der Psychotherapie oder Sexualtherapie der richtige nächste Schritt.

Quellen

Quellen

  1. Markus M. Mey: BIN ICH NORMAL? Fuß- und Schuhfetisch verstehen. Erste Edition, meybrands, Berlin 2026. ISBN 9798247074557.
  2. Pfaus, J. G. et al. (2020): Conditioning of Sexual Interests and Paraphilias in Humans Is Difficult to See, Virtually Impossible to Test, and Probably Exactly How It Happens. Archives of Sexual Behavior 49(5). doi:10.1007/s10508-020-01739-2
  3. Schippers, E. E., Hoogsteder, L. M. & de Vogel, V. (2025): Theories on the Etiology of Deviant Sexual Interests: A Systematic Review. Sexual Abuse 37(1). doi:10.1177/10790632241271308
  4. Fay, D. et al. (2016): An Exploration of Fetish Social Networks and Communities. Advances in Network Science. doi:10.1007/978-3-319-28361-6_17

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