01 · Sexualität

Einleitung

Nach heutigem Wissen durch ein Zusammenspiel mehrerer Schritte, nicht durch eine einzelne Ursache. Eine gewisse Bereitschaft, eine Umgebung voller bedeutungsvoller Schuhe, eine frühe Verknüpfung von Erregung und Schuh, eine Fantasie, die sich darum rankt, und schließlich die Wiederholung, die das Ganze festigt. Wie genau das bei einem einzelnen Menschen abgelaufen ist, lässt sich im Nachhinein nicht mehr rekonstruieren. Aber man kann den Weg in groben Zügen beschreiben.

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Ein Weg in sechs Schritten

Das folgende Modell ist meine eigene Vereinfachung. Es fasst zusammen, was ich aus der Forschung, aus meinem Buch und aus über vierzig Jahren mit meinem eigenen Schuhfetisch für plausibel halte. Es ist kein bewiesener Ablauf, und nicht jeder Schritt muss bei jedem Menschen gleich stark ausgeprägt sein.

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Schritt eins: eine Bereitschaft

Ich halte es für gut möglich, dass manche Menschen eine Grundveranlagung mitbringen, die es wahrscheinlicher macht, dass sich ihre Erregung eng an einzelne Reize bindet. Bei Männern könnte diese Bereitschaft stärker ausgeprägt sein, weil ihre Erregung nach meiner These im Lauf der Evolution schnell und zuverlässig durch einzelne visuelle Reize auslösbar sein musste. Das ist eine These, kein gesicherter Befund. Sie würde aber erklären, warum ausgeprägte Schuhfetische bei Männern deutlich häufiger sind.

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Schritt zwei: eine Welt voller Schuhe

Worauf sich eine solche Bereitschaft richtet, hängt von der Umgebung ab. Schuhe sind im Alltag allgegenwärtig, und sie tragen Bedeutung. Seit Jahrhunderten zeigen sie Rang und Macht. High Heels stehen für Eleganz und Selbstbewusstsein, Stiefel für Stärke. Eine Studie der Universität Portsmouth hat gezeigt, dass High Heels den typisch weiblichen Gang sogar verstärken, die Forschenden sprachen von einem „übernormalen Reiz“.

Wie sehr die Umgebung das Objekt bestimmt, zeigt ein Gedankenexperiment, das ich gern verwende. Wäre ich im Dschungel ohne Kontakt zur westlichen Kultur aufgewachsen, hätte ich nie von High Heels erfahren. Ein High-Heel-Fetisch hätte sich gar nicht entwickeln können.

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Schritt drei: eine frühe Verknüpfung

Irgendwann verbindet sich Erregung mit dem Schuh. Der französische Psychologe Alfred Binet vermutete schon 1887, dass sich ein eigentlich nebensächliches Detail in einer emotional aufgeladenen Situation besonders tief einprägen kann. Später wird dieses Detail immer wieder aufgesucht, weil es die damalige Spannung neu weckt.

Dass solche Verknüpfungen grundsätzlich möglich sind, zeigte 1966 ein bekanntes Experiment des Psychologen Stanley Rachman. Er zeigte jungen Männern das Bild eines Damenstiefels immer wieder zusammen mit erotischen Fotos, bis einige auch auf den Stiefel allein reagierten. Die Reaktion hielt allerdings nur kurz an, und es waren nur neun Teilnehmer. Mit einem Fetisch, der ein Leben lang bleibt, hat das nur entfernt zu tun.

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Schritt vier: die Geschichte im Kopf

Bei vielen entsteht die Erregung nicht durch den Schuh allein. Entscheidend ist, was er im Kopf auslöst. In meinem Buch beschreibe ich einen Fetisch in vier Ebenen: Auf den Auslöser, etwa den Schuh, folgt eine Fantasie, eine kleine innere Geschichte. Erst diese Geschichte erzeugt die körperliche Erregung, die dann in Handlung münden kann. Bei Schuhen dreht sich diese Geschichte oft um Rollen: um Macht und Hingabe, um Eleganz, um die Person, die den Schuh trägt.

Ich erlebe das selbst sehr deutlich. Ein Verkaufsfoto meiner Lieblingsschuhe lässt mich kalt. Dieselben Schuhe an einer selbstbewussten Frau lösen sofort eine Fantasie aus.

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Schritt fünf: Wiederholung festigt

Was einmal verknüpft ist, wird durch Wiederholung stärker. Ich beschreibe Sexualität mit dem Bild der Libidose, einer Art Dose, in der sich alles sammelt, was uns erregt. In der frühen Jugend haben wir keinen Einfluss darauf, was hineingelangt. Als Erwachsene beeinflussen wir aber durch Wiederholung und Ausleben, welche Inhalte an Gewicht gewinnen. Auch die Forschung hält Lernprozesse bei der Formung sexueller Vorlieben für plausibel, selbst wenn sie sich beim Menschen kaum direkt nachweisen lassen.

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Schritt sechs: Veränderung im Lauf des Lebens

Ein Schuhfetisch ist nicht starr. Mit Anfang zwanzig reizten mich billige High Heels. Durch meine Arbeit als Modefotograf wurden es nach und nach hochwertige Designerschuhe. Später erregten mich bei einem Videodreh sogar Reiterstiefel, die gar nicht zu meinem Schema passten. Und mit Anfang fünfzig kamen Cowboystiefel an meinen eigenen Füßen dazu. Der Fetisch ist geblieben, aber das, was ihn nährt, hat sich immer wieder verschoben.

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Was die Forschung insgesamt sagt

Eine systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2025 hat 47 Theorien zur Entstehung ungewöhnlicher sexueller Interessen geprüft. Nur sieben davon bewerteten die Forschenden als gut begründet. Sie erklären die Entstehung eher durch ein Zusammenspiel mehrerer Prozesse als durch eine einzelne Ursache. Speziell für Schuhe entwickelt wurde keine von ihnen, und wie ein Fetisch bei einem einzelnen Menschen entstanden ist, lässt sich nicht zuverlässig nachvollziehen.

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Was das für dich bedeutet

Niemand sucht sich aus, was ihn erregt. Ein Schuhfetisch ist weder eine Entscheidung noch ein Fehler, sondern das Ergebnis eines Prozesses, den niemand bewusst steuert. Das Warum bleibt wahrscheinlich immer ein Stück offen. Wichtiger ist die Frage, wie du heute gut mit deinem Fetisch umgehst und lebst.

Quellen

Quellen

  1. Markus M. Mey: BIN ICH NORMAL? Fuß- und Schuhfetisch verstehen. Erste Edition, meybrands, Berlin 2026. ISBN 9798247074557.
  2. Rachman, S. (1966): Sexual Fetishism: An Experimental Analogue. The Psychological Record 16(3). doi:10.1007/BF03393671
  3. Morris, P. H., White, J., Morrison, E. R. & Fisher, K. (2013): High heels as supernormal stimuli: How wearing high heels affects judgements of female attractiveness. Evolution and Human Behavior 34(3), 176–181.
  4. Schippers, E. E., Hoogsteder, L. M. & de Vogel, V. (2025): Theories on the Etiology of Deviant Sexual Interests: A Systematic Review. Sexual Abuse 37(1). doi:10.1177/10790632241271308
  5. Pfaus, J. G. et al. (2020): Conditioning of Sexual Interests and Paraphilias in Humans Is Difficult to See, Virtually Impossible to Test, and Probably Exactly How It Happens. Archives of Sexual Behavior 49(5). doi:10.1007/s10508-020-01739-2
  6. Alfred Binet (1887): Le fétichisme dans l’amour. Revue philosophique de la France et de l’étranger 24.

Im Buch vertiefen

Von der Frage zur eigenen Geschichte.

„Bin ich normal?“ verbindet sachliche Einordnung mit persönlichen Erfahrungen und Perspektiven für Beziehungen.

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Bin ich normal?

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