01 · Sexualität
Einleitung
Ja, das kann er, und bei mir hat er es mehrfach getan. Der Fetisch selbst ist geblieben, aber seine Ausprägung hat sich über die Jahrzehnte immer wieder verschoben. Neue Einflüsse sind dazugekommen, alte haben an Bedeutung verloren. Auch die Intensität kann schwanken, je nach Lebensphase. Ich erzähle das am besten anhand von vier Stationen aus meinem eigenen Leben.
02 · Sexualität
Station eins: günstige High Heels
Mit Anfang zwanzig reizten mich High Heels, wie man sie damals für wenig Geld in jedem Schuhgeschäft kaufen konnte. Marken spielten keine Rolle. Mit 23 habe ich angefangen, meine damalige Frau in hohen Schuhen zu fotografieren, und Schuhe gehörten bei uns ganz selbstverständlich zur Sexualität. Mein Fetisch war damals klar umrissen: High Heels.
03 · Sexualität
Station zwei: die Welt der Modefotografie
Dann wurde die Fotografie zu meinem Beruf. Über zwanzig Jahre habe ich als Profifotograf gearbeitet, auch in der Mode- und Werbefotografie. Ich hatte plötzlich mit Schuhen von Gucci, Prada oder Casadei zu tun, mit Schuhen, wie man sie aus der VOGUE oder der ELLE kannte. Die billigen High Heels verloren dabei nach und nach ihren Reiz. Irgendwann erregten mich nur noch hochwertige, teure Schuhe. Heute bin ich ein großer Fan von Christian Louboutin, Jimmy Choo oder Giuseppe Zanotti. Das Umfeld spielt also eine große Rolle: Was man täglich sieht und erlebt, prägt, was einen reizt.
Aus dieser Zeit stammt eine Einsicht, die ich bis heute teile: Ein Fetisch verschwindet nicht, aber mit dem, was man lebt und sieht, kommen immer neue Einflüsse hinzu und verdrängen Bestehendes.
04 · Sexualität
Station drei: ein überraschender Moment am Set
Mein inneres Schema war lange eindeutig: High Heels, keine flachen Stiefel. Bei einem Videodreh trat dann eine junge Frau so überzeugend dominant auf, dass es mich plötzlich stark erregte, ihre Reiterstiefel zu küssen, obwohl diese objektiv gar nicht zu meinem Fetisch passten. In diesem Moment war es nicht der Schuh, der die Erregung erzeugte, sondern die Person, die ihn trug, und ihre Haltung. Das hat mir gezeigt, wie beweglich ein scheinbar festes Muster sein kann.
05 · Sexualität
Station vier: ein Rollenwechsel mit Anfang fünfzig
Die größte Veränderung kam spät. Über Jahrzehnte hatte ich meinen Fetisch aus einer eher devoten Rolle heraus gelebt. In einer schwierigen Phase unserer Beziehung riet mir eine erfahrene Psychologin, meine dominante Seite auszuprobieren, die ich lange unterdrückt hatte. Ich war skeptisch und habe es trotzdem getan. Es hat mich erregt, meiner Frau hat es gefallen, und kurz darauf entdeckte ich Cowboystiefel für mich, diesmal an meinen eigenen Füßen.
Der Fetisch ist geblieben. Seine Richtung hat sich verändert. Für mich war das kein Verlust, sondern eine Erweiterung.
06 · Sexualität
Was bleibt und was sich ändert
In meinem Buch beschreibe ich Sexualität mit dem Bild der Libidose, einer Art Dose, in der sich alles sammelt, was uns erregt. Manche Inhalte bleiben über Jahre stabil, andere verlieren an Bedeutung oder verschwinden ganz von selbst. Fantasien und Personen, die mich in meiner Jugend beschäftigt haben, spielen heute überhaupt keine Rolle mehr. Ich habe sie nicht bewusst ausgetauscht. Sie sind einfach verblasst.
Bewusst löschen lässt sich ein Fetisch nicht. Als Erwachsene können wir aber durch Wiederholung und Ausleben beeinflussen, welche Inhalte an Gewicht gewinnen. Auch die Forschung hält Lernprozesse bei der Formung sexueller Vorlieben für plausibel, auch wenn sie sich beim Menschen kaum direkt nachweisen lassen. Langzeitstudien, die Menschen mit Fuß- oder Schuhfetisch über viele Jahre begleiten, gibt es allerdings bis heute nicht. Was wir über Veränderungen wissen, stammt vor allem aus persönlichen Erfahrungen wie meiner.
07 · Sexualität
Warum die Intensität schwanken kann
Neben der Richtung kann sich auch die Stärke verändern. Stress, Krankheit, das Alter, eine neue Beziehung oder eine Krise können dazu führen, dass Sexualität insgesamt mehr oder weniger Raum einnimmt, und mit ihr der Fetisch. Wer sich ausschließlich über seinen Fetisch definiert, erlebt solche Phasen schnell als Verlust. Wer ihn als Teil eines größeren Ganzen sieht, kann gelassener damit umgehen.
Wenn du merkst, dass sich dein Fetisch verändert, ist das also kein Grund zur Sorge. Es ist eher ein Zeichen dafür, dass deine Sexualität lebendig ist. Fetische sind nicht starr. Sie entwickeln sich mit dem Leben. Das kann verunsichern, es kann aber auch eine große Chance sein, die eigene Sexualität immer wieder neu zu entdecken.
Quellen
Quellen
- Markus M. Mey: BIN ICH NORMAL? Fuß- und Schuhfetisch verstehen. Erste Edition, meybrands, Berlin 2026. ISBN 9798247074557.
- Pfaus, J. G. et al. (2020): Conditioning of Sexual Interests and Paraphilias in Humans Is Difficult to See, Virtually Impossible to Test, and Probably Exactly How It Happens. Archives of Sexual Behavior 49(5). doi:10.1007/s10508-020-01739-2
- Schippers, E. E., Hoogsteder, L. M. & de Vogel, V. (2025): Theories on the Etiology of Deviant Sexual Interests: A Systematic Review. Sexual Abuse 37(1). doi:10.1177/10790632241271308
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