01 · Entstehung & Psychologie

Einordnung

Müssen musst du gar nichts. Ein Fußfetisch ist keine Krankheit, die behandelt werden müsste. Einfach loswerden lässt er sich nach allem, was ich erlebt habe, aber auch nicht. Verändern kann sich trotzdem etwas, manchmal mehr, als man für möglich hält.

02 · Entstehung & Psychologie

Der Wunsch, es abzustellen

Kann ich das verändern, wenn es mich belastet? Diese Frage wird im Netz sehr oft gestellt, in vielen Sprachen und fast immer mit demselben Unterton. Ich kann den Wunsch gut verstehen. Wer lange mit einem Geheimnis lebt, sehnt sich irgendwann nach Ruhe.

Bevor man überlegt, wie man etwas loswird, lohnt sich ein genauer Blick darauf, woher der Druck eigentlich kommt. Meiner Erfahrung nach ist es oft gar nicht der Fetisch selbst, der belastet. Es ist die Angst davor, was andere denken könnten. Oder das Gefühl, mit dieser Seite ganz allein zu sein.

03 · Entstehung & Psychologie

Warum sich ein Fetisch nicht löschen lässt

Einen Fetisch sucht man sich nicht aus. Er entsteht aus Verknüpfungen, die über viele Jahre wachsen, oft lange bevor man sie versteht. In meinem Buch beschreibe ich das mit dem Bild der Libidose, einer Art Spardose für alles, was uns sexuell anspricht. Was einmal darin liegt, bleibt erst einmal da. Man kann es nicht bewusst herausnehmen, genauso wenig, wie man sich bewusst etwas hineinlegen kann.

Die Forschung ist an diesem Punkt ähnlich vorsichtig. Lernprozesse spielen bei der Entstehung sexueller Vorlieben nach heutigem Wissen wahrscheinlich eine Rolle. Wie ein bestimmter Fetisch bei einem bestimmten Menschen entstanden ist, lässt sich aber nicht zuverlässig zurückverfolgen.

Früher hat man trotzdem versucht, Fetische wegzutherapieren. In der älteren Fachliteratur finden sich Berichte über sogenannte aversive Behandlungen, bei denen die Erregung mithilfe unangenehmer Reize verlernt werden sollte. Das sind historische Einzelfälle aus einer Zeit, in der Fetischismus noch als Krankheit galt. Als Grundlage für eine heutige Behandlung taugen sie nicht.

04 · Entstehung & Psychologie

Was sich trotzdem verändern kann

Loswerden ist das eine. Verändern ist etwas anderes, und da habe ich selbst eine Überraschung erlebt.

Über Jahrzehnte hatte ich meinen Schuhfetisch aus einer eher devoten Rolle heraus gelebt. In den Jahren 2017 und 2018 steckten meine Frau und ich fest, und ich holte mir Rat bei einer Psychologin, die sich mit Fetischen und BDSM gut auskannte. Ihr Blick ging in eine ganz andere Richtung als meiner. Sie sah bei mir eine dominante Seite, die ich lange unterdrückt hatte, und riet mir, diese Seite einfach einmal auszuprobieren.

Ich war skeptisch und habe es trotzdem getan. Es hat mich erregt, und es hat auch meiner Frau gefallen. Danach entdeckte ich Cowboystiefel für mich, diesmal an meinen eigenen Füßen. Der Fetisch ist geblieben, seine Richtung hat sich verändert. Für mich war das kein Verlust, eher eine Erweiterung, und es hat unser gemeinsames Sexleben spürbar belebt.

Auch die Forschung spricht dafür, dass ein Fetisch selten die ganze Sexualität bestimmt. In zwei Studien mit Menschen, die sich selbst einen Objektfetisch zuschreiben, gab die Mehrheit an, auch ohne ihr Fetischobjekt sexuell erregt und aktiv zu sein. Die Teilnehmenden hatten sich selbst für die Studie gemeldet, und Schuhe wurden nicht gesondert ausgewertet. Es deutet aber darauf hin, dass ein Fetisch für viele ein wichtiger Teil ihrer Sexualität ist, ohne der einzige zu sein.

05 · Entstehung & Psychologie

Wenn die Belastung bleibt

Es gibt Situationen, in denen ein Fetisch tatsächlich zum Problem wird. Etwa wenn er sich zwanghaft anfühlt, wenn er den Alltag bestimmt oder wenn Grenzen anderer Menschen in Gefahr geraten. Dann ist Unterstützung durch eine Fachperson aus der Sexualtherapie oder Sexualmedizin sinnvoll. In meinem Bild der Libidose spreche ich in solchen Fällen von einem doppelten Boden, an den man allein nicht herankommt.

Wichtig ist mir dabei eine Unterscheidung, die auch die Weltgesundheitsorganisation macht. Leid, das nur daraus entsteht, dass andere eine Vorliebe ablehnen, macht sie noch nicht zu einer Störung. Wer vor allem unter Scham leidet, muss deshalb in der Regel nicht seinen Fetisch verändern. Meiner Erfahrung nach hilft dann eher ein anderer Umgang mit sich selbst, und manchmal ein Gespräch mit jemandem, der zuhört, ohne zu urteilen.

06 · Entstehung & Psychologie

Die Gegenfrage

Wer mich fragt, ob er seinen Fußfetisch loswerden sollte, dem würde ich eine Gegenfrage stellen: Was genau soll anders werden? Soll die Scham verschwinden, der Streit in der Beziehung, das Gefühl, allein zu sein? Das alles lässt sich verändern. Der Fetisch selbst bleibt wahrscheinlich. Er muss aber nicht dein Leben bestimmen.

Quellen

Quellen

  1. Markus M. Mey: BIN ICH NORMAL? Fuß- und Schuhfetisch verstehen. Erste Edition, meybrands, Berlin 2026. ISBN 9798247074557.
  2. Rees, G. & Garcia, J. R. (2017): All I Need is Shoe: An Investigation into the Obligatory Aspect of Sexual Object Fetishism. International Journal of Sexual Health 29(4). doi:10.1080/19317611.2017.1309483
  3. Schippers, E. E., Hoogsteder, L. M. & de Vogel, V. (2025): Theories on the Etiology of Deviant Sexual Interests: A Systematic Review. Sexual Abuse 37(1). doi:10.1177/10790632241271308
  4. Kunjukrishnan, R., Pawlak, A. & Varan, L. R. (1988): The Clinical and Forensic Psychiatric Issues of Retifism. Canadian Journal of Psychiatry 33(9). doi:10.1177/070674378803300907
  5. World Health Organization: ICD-11 for Mortality and Morbidity Statistics, Paraphilic disorders (6D30–6D36), Release 2025-01. icd.who.int

Im Buch vertiefen

Von der Frage zur eigenen Geschichte.

„Bin ich normal?“ verbindet sachliche Einordnung mit persönlichen Erfahrungen und Perspektiven für Beziehungen.

Das deutsche Buch ansehen
Bin ich normal?

Dieser Beitrag darf Kreise ziehen

Gutes Wissen wird stärker, wenn es geteilt wird.

Verlinke diesen Originalartikel als weiterführende Quelle – mit einem Klick kopierst du die eindeutige Adresse.