01 · Sexualität und Wohlbefinden
Einleitung
Du musst dich nicht rechtfertigen, um Hilfe zu bekommen. Es reicht zu sagen, dass dich etwas belastet. Scham und Heimlichkeit sind oft schwerer zu tragen als der Fetisch selbst, und genau dort kann Unterstützung ansetzen. Der erste Schritt ist kleiner, als er sich gerade vielleicht anfühlt.
02 · Sexualität und Wohlbefinden
Ein Kreislauf, der sich selbst antreibt
Wer sich für seinen Fetisch schämt, gerät leicht in ein Muster, das sich selbst antreibt. Man schämt sich für das, was einen erregt, also verheimlicht man es. Die Heimlichkeit macht einsam, und in der Einsamkeit wächst der Druck. Irgendwann fühlt sich der Fetisch zwanghaft an, man lebt ihn heimlich aus, und danach ist die Scham noch größer als vorher. Dazu kommt der ständige Aufwand des Versteckens: Verläufe löschen, Ausreden finden, immer aufpassen, dass niemand etwas merkt. Das alles kostet Kraft, die an anderer Stelle fehlt.
In meinem Buch beschreibe ich, woher die Belastung in solchen Fällen oft kommt. Meistens nicht aus dem Fetisch selbst, sondern aus dem Gefühl, mit ihm allein zu sein. Und die Scham entsteht selten aus dem eigenen Erleben. Sie entsteht aus der Vorstellung, wie andere darauf blicken würden. Wer das versteht, sieht einen Ausweg, der nicht darin besteht, den Fetisch loszuwerden. Er besteht darin, das Alleinsein zu beenden.
03 · Sexualität und Wohlbefinden
Mein Weg war ein anderer, und trotzdem kenne ich den Druck
Ich hatte das Glück, meinen Schuhfetisch schon als junger Mann offen leben zu können. Als Fotograf habe ich jahrelang High-Heel-Serien veröffentlicht, Zeitschriften haben über mich berichtet, ich saß in Talkshows. Als Künstler wird einem eine Eigenart eher zugestanden, und ein Schuhfetisch gehört noch zu den unauffälligeren.
Das heißt nicht, dass ich den Druck nicht kenne. In einer Phase meines Lebens hatte der Fetisch so viel Raum eingenommen, dass er für meine Frau und mich zur Belastung wurde. Ich weiß also, wie es sich anfühlt, wenn etwas, das einem guttut, plötzlich zu viel wird. Und ich weiß, wie viel es verändert, darüber mit jemandem zu sprechen, der sich auskennt.
04 · Sexualität und Wohlbefinden
Keine Rechtfertigung nötig
Viele zögern, sich Hilfe zu holen, weil sie glauben, erst erklären zu müssen, warum ihr Verhalten eigentlich in Ordnung ist. Das musst du nicht. Eine gute Fachperson will dich verstehen, nicht dich freisprechen oder verurteilen.
Ein einfacher Satz genügt für den Anfang: „Ich erlebe meinen Schuhfetisch als zwanghaft, ich verheimliche viel, und das belastet mich.“ Alles Weitere ergibt sich im Gespräch.
Hilfreich ist dabei ein Detail aus der Klassifikation der Weltgesundheitsorganisation. Leid, das nur daraus entsteht, dass andere eine Vorliebe ablehnen, macht sie noch nicht zu einer Störung. Du begibst dich also nicht automatisch in eine Diagnose, wenn du über deine Scham sprichst. In einer Online-Studie aus dem Iran hatten übrigens gerade diejenigen, die ihre Fetischinteressen als nicht zu sich passend erlebten, höhere Werte für depressive Stimmung. Die Ursache-Wirkungs-Richtung ist dabei offen. Der Befund zeigt aber, wie belastend das innere Hadern sein kann.
05 · Sexualität und Wohlbefinden
Wo du anfangen kannst
Es muss nicht gleich der große Schritt sein. Diese Möglichkeiten gibt es:
Und wenn du merkst, dass dein Verhalten die Grenzen anderer Menschen verletzt oder verletzen könnte, etwa durch heimliche Fotos oder ungefragte Berührungen, dann warte nicht. Hol dir sofort professionelle Unterstützung.
- Eine Vertrauensperson. Ein guter Freund, eine Freundin, die Partnerin. Ein einziger Mensch, der Bescheid weiß, kann die Einsamkeit durchbrechen.
- Eine Fachperson. Psychotherapie, Sexualtherapie oder Sexualmedizin. Frag im Erstgespräch direkt, ob die Person Erfahrung mit Fetischen hat.
- Die Hausärztin oder der Hausarzt. Als erste Anlaufstelle, die weitervermitteln kann, und für körperliche Fragen, etwa wenn die Erektion unzuverlässig wird.
- Austausch mit Gleichgesinnten. Online-Foren und Gemeinschaften können entlasten, weil man merkt, dass man nicht allein ist. Achte aber darauf, dass sie dir guttun und den Druck nicht weiter erhöhen.
06 · Sexualität und Wohlbefinden
Was sich verändern kann
Den Fetisch selbst wirst du wahrscheinlich behalten. Was sich verändern kann, ist die Rolle, die er in deinem Leben spielt. Viele Männer beschreiben, dass er seine Wirkung behält, aber seine Dominanz verliert, sobald sie ihn als Teil ihrer Sexualität annehmen, statt sich über ihn zu definieren oder ihn zu verstecken. Scham und Heimlichkeit sind keine Naturgesetze. Sie lassen sich Schritt für Schritt abbauen, und das beginnt mit einem einzigen offenen Gespräch.
Quellen
Quellen
- Markus M. Mey: BIN ICH NORMAL? Fuß- und Schuhfetisch verstehen. Erste Edition, meybrands, Berlin 2026. ISBN 9798247074557.
- World Health Organization: ICD-11 for Mortality and Morbidity Statistics, Paraphilic disorders (6D30–6D36), Release 2025-01. icd.who.int
- Shekarchi, R. et al. (2025): Comparison of Psychopathological and Socio-cultural Outcomes Among Distinct Fetishism Subgroups: A Cluster Analysis Approach. Sexuality & Culture 29(4). doi:10.1007/s12119-025-10352-1
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