01 · Sexualität und Alltag

Einleitung

Mit aller Kraft wegsehen funktioniert selten. Hilfreicher ist es zu verstehen, was in deinem Kopf eigentlich passiert, wenn dein Blick an Füßen hängen bleibt. Dann kannst du im Alltag an ein paar Stellschrauben drehen. Und wenn die Ablenkung dein Leben ernsthaft einschränkt, ist Unterstützung von außen der richtige nächste Schritt.

02 · Sexualität und Alltag

Sommer, Büro, U-Bahn

Füße und Schuhe sind überall. Im Sommer sieht man nackte Füße in Sandalen an jeder Ecke, im Büro wippt ein Absatz unter dem Schreibtisch, in der U-Bahn steht jemand in High Heels direkt vor dir. Für Menschen ohne Fetisch ist das Hintergrund. Für dich kann es ein ständiges Signal sein.

Das kostet Kraft, vor allem, wenn du gleichzeitig versuchst, dir nichts anmerken zu lassen. Viele Männer mit Fetisch haben früh gelernt, genau diesen Teil von sich zu verbergen. Die Ablenkung wird dann doppelt anstrengend: einmal durch den Reiz selbst und einmal durch die ständige Kontrolle, dass es niemand bemerkt.

03 · Sexualität und Alltag

Was im Kopf passiert

Nach über vierzig Jahren mit meinem eigenen Fetisch weiß ich, dass der Blick auf einen Fuß oder einen Schuh nur der Anfang ist. Der Reiz ist ein Auslöser. Was dich eigentlich festhält, ist die kleine Geschichte, die dein Kopf in Sekundenbruchteilen dazu erzählt: eine Haltung, eine Geste, eine Vorstellung davon, was diese Frau mit diesen Schuhen tun könnte.

Das zu wissen, hilft. Den Anblick selbst kannst du im Alltag kaum vermeiden. Du kannst aber lernen, die Geschichte zu bemerken, die gerade anspringt, und sie weiterziehen zu lassen. Wer dagegen versucht, jeden Blick mit aller Macht zu unterdrücken, erzeugt nach meiner Erfahrung eher inneren Widerstand. Der Reiz wird dadurch nicht kleiner.

04 · Sexualität und Alltag

Als Schuhe fast überall waren

In meinem Leben gab es eine Phase, in der ich meinem Fetisch kaum ausweichen konnte, und das war zum Teil selbst gewählt. Über zwanzig Jahre habe ich als Fotograf gearbeitet, oft mit High Heels als Motiv, später kamen Videoproduktionen dazu. Mein Fetisch hatte sich nicht nur in unser Liebesleben, sondern auch in mein Arbeitsleben eingeschrieben. Irgendwann war mein Kopf so voller Bilder, dass ich selbst im Schlafzimmer nicht mehr abschalten konnte.

Geholfen hat mir damals ein Gespräch mit einer erfahrenen Psychologin. Sie hat mir einen neuen Blick auf meine Sexualität eröffnet, und dadurch hat sich auch die Rolle verändert, die der Fetisch in meinem Leben spielt. Er ist geblieben. Er bestimmt aber nicht mehr alles.

05 · Sexualität und Alltag

Stellschrauben für den Alltag

Aus meiner Erfahrung gibt es ein paar Dinge, die den Druck spürbar verringern können:

  • Bemerken statt bewerten. Wenn dein Blick hängen bleibt, stell nüchtern fest, dass es gerade passiert. Scham und Selbstvorwürfe halten den Kreislauf eher am Laufen.
  • Dem Fetisch einen Ort geben. Überleg, wo er bewusst Platz haben darf, in deiner Beziehung oder in deiner eigenen Fantasie. Was einen festen Ort hat, drängt sich im Alltag nach meiner Erfahrung weniger auf.
  • Den Nachschub prüfen. Wer jeden Tag lange Bilder oder Videos zum Thema anschaut, gibt ihm im Kopf immer mehr Gewicht. Als Erwachsene beeinflussen wir durch Wiederholung, welche Inhalte in unserer Sexualität an Bedeutung gewinnen.
  • Anderes stärken. Sport, Freundschaften, Projekte, alles, was dich wirklich interessiert. Je voller dein Leben ist, desto weniger Raum bleibt für ein Dauerthema.
  • Darüber reden. Mit deiner Partnerin, einem guten Freund oder einer Fachperson. Was man allein mit sich herumträgt, wird oft größer, als es ist.

06 · Sexualität und Alltag

Wann es mehr ist als Ablenkung

„Zwanghaft“ sagt man im Alltag schnell. Fachlich ist damit allerdings etwas anderes gemeint als eine starke Vorliebe. Wenn dich die Gedanken regelrecht quälen, wenn du bestimmte Orte meidest, dich bei der Arbeit kaum noch konzentrieren kannst oder das Gefühl hast, die Kontrolle über dein Verhalten zu verlieren, solltest du das mit einer Fachperson aus der Psychotherapie oder Sexualmedizin besprechen.

Eine Grenze möchte ich dabei klar benennen. Füße fremder Menschen heimlich zu fotografieren oder sie ungefragt zu berühren, ist übergriffig, ganz gleich, wie harmlos es sich im Moment anfühlen mag. Wenn du merkst, dass dein Drang in diese Richtung geht, such dir bitte sofort Unterstützung.

Auch die Weltgesundheitsorganisation macht eine Diagnose nicht an der Vorliebe selbst fest, sondern an deutlichem Leidensdruck. Eine gute Fachperson kann unterscheiden, ob hinter der Ablenkung ein Fetisch steckt, etwas anderes oder beides. Und sie kann dir helfen, deinen Alltag wieder freier zu gestalten, ohne dass du dafür gegen einen Teil von dir kämpfen musst.

Quellen

Quellen

  1. Markus M. Mey: BIN ICH NORMAL? Fuß- und Schuhfetisch verstehen. Erste Edition, meybrands, Berlin 2026. ISBN 9798247074557.
  2. World Health Organization: ICD-11 for Mortality and Morbidity Statistics, Paraphilic disorders (6D30–6D36), Release 2025-01. icd.who.int

Im Buch vertiefen

Von der Frage zur eigenen Geschichte.

„Bin ich normal?“ verbindet sachliche Einordnung mit persönlichen Erfahrungen und Perspektiven für Beziehungen.

Das deutsche Buch ansehen
Bin ich normal?

Dieser Beitrag darf Kreise ziehen

Gutes Wissen wird stärker, wenn es geteilt wird.

Verlinke diesen Originalartikel als weiterführende Quelle – mit einem Klick kopierst du die eindeutige Adresse.