01 · Sexualität & Wohlbefinden

Einleitung

Müssen nicht, aber du darfst. Verunsicherung allein ist kein Zeichen einer Störung. Sie ist aber ein völlig ausreichender Grund, mit jemandem zu sprechen. Hilfe muss dabei nicht gleich eine Therapie bedeuten. Oft reicht schon ein Gespräch, ein gutes Buch oder der Austausch mit jemandem, der sich auskennt, um wieder festen Boden unter den Füßen zu spüren.

02 · Sexualität & Wohlbefinden

Was fachlich gilt

Seit 2022 führt die Weltgesundheitsorganisation Fetischismus in der ICD-11 nicht mehr als eigene Diagnose. Eine Diagnose kommt nur noch infrage, wenn jemand deutlich unter seinem Erregungsmuster leidet, ein ernstes Verletzungsrisiko besteht oder andere ohne ihr Einverständnis betroffen sind. Wenn niemand geschädigt wird und du vor allem unsicher bist, liegt in der Regel keine Störung vor.

Das bedeutet aber nicht, dass deine Verunsicherung unwichtig ist. Die ICD-11 beschreibt, wann etwas behandlungsbedürftig ist. Sie beschreibt nicht, wann ein Gespräch guttut.

03 · Sexualität & Wohlbefinden

Klarheit ist ein guter Grund

Ich habe mir vor einigen Jahren selbst Rat bei einer Psychologin geholt. Es gab damals keinen Schaden und niemanden, der gefährdet war. Aber meine Frau und ich steckten fest, und ich war auf der Suche nach Klarheit. Die Gespräche mit ihr haben mir einen Blick auf meine Sexualität eröffnet, den ich bis heute als befreiend empfinde.

Diese Erfahrung hat mir gezeigt, dass man nicht erst ganz unten sein muss, um sich Unterstützung zu holen. Manchmal reicht es, dass man mit einer Frage nicht weiterkommt.

04 · Sexualität & Wohlbefinden

Hilfe hat viele Formen

Nicht jede Unsicherheit braucht eine Therapie. Die Möglichkeiten reichen von sehr niedrigschwellig bis professionell:

  • Lesen und Verstehen. Oft hilft schon gutes Wissen. Wer erfährt, wie die Wissenschaft Fetische heute einordnet, verliert viel von seiner Angst.
  • Austausch mit Gleichgesinnten. Für viele ist es eine große Entlastung zu merken, dass sie mit ihrer Vorliebe nicht allein sind.
  • Ein Gespräch mit einer Vertrauensperson. Deine Partnerin, ein guter Freund oder eine Freundin, die dich ohne Urteil anhört.
  • Ein anonymes Gespräch. Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr kostenlos und anonym erreichbar, unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222.
  • Eine Beratung. Beratungsstellen wie pro familia bieten Gespräche zu Sexualität und Partnerschaft an, oft kostengünstig oder kostenfrei.
  • Ein einmaliges Fachgespräch. Eine Sitzung bei einer Sexualtherapeutin oder einem Sexualmediziner kann manchmal schon ausreichen, um Klarheit zu gewinnen.
  • Eine Therapie. Sinnvoll, wenn die Verunsicherung bleibt, wächst oder dein Leben spürbar einschränkt.

05 · Sexualität & Wohlbefinden

Unsicherheit ist kein Dauerzustand

Viele Menschen mit Fetisch finden mit der Zeit zu einem entspannten Verhältnis zu ihrer Vorliebe. In einer Online-Befragung von 316 Menschen aus Fetisch-Communitys lag die Lebenszufriedenheit im üblichen Bereich, und die meisten bewerteten ihren Fetisch überwiegend positiv. Die Teilnehmenden hatten sich selbst gemeldet, verallgemeinern lässt sich das also nicht. Es zeigt aber, dass Verunsicherung nicht das Ende der Geschichte sein muss.

06 · Sexualität & Wohlbefinden

Woran du erkennst, dass es mehr als Verunsicherung ist

Verunsicherung ist eine normale Reaktion, wenn man einen Teil von sich entdeckt, den man nicht ganz einordnen kann. Sie kann aber auch in etwas übergehen, das dich stärker belastet. Ein genauerer Blick lohnt sich, wenn du über Wochen kaum an etwas anderes denken kannst, wenn du dich deswegen zurückziehst, schlecht schläfst oder niedergeschlagen bist, oder wenn die Unsicherheit deine Beziehung belastet. Dann ist ein Gespräch mit einer Fachperson mehr als eine Option. Es ist eine gute Idee.

07 · Sexualität & Wohlbefinden

Was viele unterschätzen

Scham und Unsicherheit wachsen im Stillen. Wer sie allein mit sich herumträgt, erlebt sie oft größer, als sie sind. Ein einziges Gespräch kann dieses Gewicht deutlich verringern. Das ist kein Eingeständnis von Schwäche. Es ist eine vernünftige Entscheidung, sich selbst ernst zu nehmen.

Und falls du befürchtest, eine Fachperson könnte dich vorschnell als krank einstufen: Eine gute Fachperson wird dir zuhören, einordnen und dir sagen, wenn alles in Ordnung ist. Genau das kann schon die wichtigste Hilfe sein.

08 · Sexualität & Wohlbefinden

Was bleibt

Du musst nicht erst leiden, um dir Unterstützung zu verdienen. Wenn dich dein Fetisch verunsichert, ist das Grund genug, mit jemandem darüber zu sprechen. Wie weit du dabei gehst, entscheidest du selbst. Und manchmal zeigt schon der erste Schritt, dass mit dir alles in Ordnung ist.

Quellen

Quellen

  1. Markus M. Mey: BIN ICH NORMAL? Fuß- und Schuhfetisch verstehen. Erste Edition, meybrands, Berlin 2026. ISBN 9798247074557.
  2. World Health Organization: ICD-11 for Mortality and Morbidity Statistics, Paraphilic disorders (6D30–6D36), Release 2025-01. icd.who.int
  3. pro familia Bundesverband: Beratung. profamilia.de
  4. Harrison, M. A. & Murphy, B. E. (2021): Sexual fetishes: sensations, perceptions, and correlates. Psychology & Sexuality 13(3). doi:10.1080/19419899.2021.1915368
  5. TelefonSeelsorge Deutschland. telefonseelsorge.de

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