01 · Sexualität und Identität

Einleitung

Nein, nicht automatisch. Ein Fußfetisch beschreibt, worauf deine Erregung besonders stark anspringt. Wen du liebst, wie du dich als Mann oder Frau erlebst und wer du als Mensch bist, steht auf einem anderen Blatt. Trotzdem stellen sich viele genau diese Fragen, und ich kann gut verstehen, warum.

02 · Sexualität und Identität

Wenn aus einer Vorliebe eine Identitätsfrage wird

Wer merkt, dass ihn Füße oder Schuhe stark erregen, gerät schnell ins Grübeln. Bin ich weniger männlich, wenn ich einer Frau die Füße küssen möchte? Was bedeutet es, wenn in meinen Fantasien plötzlich ein Mann auftaucht? Und warum fühlt sich das alles so an, als würde es mich im Kern betreffen?

Ein Fetisch ist oft sehr früh da und begleitet einen ein Leben lang. Kein Wunder, dass viele ihn mit ihrem Wesen gleichsetzen. Genau hier beginnt aber ein Denkfehler, der viel unnötigen Druck erzeugt.

03 · Sexualität und Identität

Vier Ebenen, die man auseinanderhalten sollte

Die Sexualforschung trennt sehr genau zwischen mehreren Ebenen: dem Interesse an einem bestimmten Reiz, den Fantasien dazu, dem tatsächlichen Verhalten und der Art, wie sich jemand selbst versteht. Diese Ebenen hängen zusammen, sind aber nicht dasselbe. Auch Studien zur Übereinstimmung von Interessen und Verhalten zeigen, dass beides nicht deckungsgleich sein muss. Wer Füße erregend findet, hat damit noch nichts über seine Orientierung oder sein Geschlecht gesagt.

In meinem Buch beschreibe ich Identität als etwas mit vielen Schichten: Persönlichkeit, Werte, Beziehungen, Erfahrungen, Rollen. Sexualität ist eine davon, eine wichtige, aber nicht die einzige. Ein Fetisch gehört zur sexuellen Struktur eines Menschen. Er erklärt, wie Erregung funktioniert. Er erklärt nicht, wer man ist.

Deutlich wird das, wenn man sich fragt, was bleibt, wenn Sexualität zeitweise weniger Raum einnimmt, etwa durch Krankheit, Alter oder eine Beziehungskrise. Wer sich ausschließlich über seinen Fetisch definiert, erlebt das als Identitätskrise. Wer ihn als Teil eines größeren Ganzen begreift, bleibt handlungsfähig.

04 · Sexualität und Identität

Fußfetisch gibt es in jeder Orientierung

Ich schreibe vor allem aus der Sicht heterosexueller Männer, weil das meine Erfahrung ist. Fuß- und Schuhfetische spielen in homosexuellen Zusammenhängen aber eine mindestens genauso große Rolle, teils mit ganz eigenen kulturellen Ausprägungen. Eine Forschungsgruppe um den Soziologen Martin Weinberg hat schon in den Neunzigerjahren 262 Mitglieder einer Organisation für homosexuelle und bisexuelle Männer mit Fußfetisch befragt. Viele von ihnen lebten ihre Vorliebe in festen Beziehungen.

Ich habe das auch selbst gesehen. Für ein Experiment führte ich zwei Jahre lang ein Instagram-Profil als heterosexueller Mann mit Stiefelfetisch. Von rund 1.600 echten Followern waren etwa 1.500 Männer, die meisten davon homosexuell. Das Thema verbindet Menschen ganz unterschiedlicher Orientierung. Es legt niemanden auf eine fest. Auch Frauen können einen Fuß- oder Schuhfetisch haben, nach allem, was ich weiß und erlebt habe, allerdings deutlich seltener als Männer. Darum geht es in einem eigenen Beitrag.

05 · Sexualität und Identität

Und wenn die Fantasie nicht zur Orientierung passt?

Manche Männer mit Fußfetisch finden in ihren Fantasien gelegentlich auch einen dominanten Mann wieder, obwohl sie im Leben ausschließlich Frauen begehren. Das kann verunsichern. Eine Fantasie ist aber keine Festlegung. Sie kann Spiel sein, Neugier oder der Reiz einer bestimmten Machtdynamik. Wenn ich einem Mann rate, seinen Fetisch gut zu kennen, gehört die ehrliche Frage nach solchen Fantasien dazu, ganz ohne Wertung.

Was eine Fantasie über deine Orientierung aussagt, kannst nur du selbst herausfinden. Dafür gibt es kein Zeitlimit und keinen Test. Und es ist auch völlig in Ordnung, wenn die Antwort lautet: gar nichts.

06 · Sexualität und Identität

Hingabe ist keine Schwäche

Nach meiner Erfahrung ist ein Fußfetisch oft mit dem Spiel von Dominanz und Hingabe verbunden. Das verunsichert manche Männer zusätzlich. Ist es unmännlich, sich einer Frau zu Füßen zu legen?

Ich habe diese Seite über Jahrzehnte gelebt und später auch meine dominante Seite entdeckt. Was ich dabei gelernt habe: Hingabe im erotischen Spiel und Stärke im Alltag schließen sich nicht aus. Meine Frau ist im Alltag eine starke, selbstbewusste Frau und wollte sexuell trotzdem nicht dauerhaft die Führung übernehmen. Umgekehrt gilt das für Männer genauso. Was im Schlafzimmer passiert, ist kein Urteil über deinen Charakter.

07 · Sexualität und Identität

Was bleibt

Dein Fetisch erklärt, was dich erregt. Er erklärt nicht, wen du liebst, wie männlich oder weiblich du bist oder was für ein Mensch du bist. Wer diese Trennung für sich vollzieht, gewinnt eine erstaunliche Freiheit. Die Frage „Was bin ich?“ wird dann abgelöst von einer viel hilfreicheren: „Wie gehe ich damit um?“

Quellen

Quellen

  1. Markus M. Mey: BIN ICH NORMAL? Fuß- und Schuhfetisch verstehen. Erste Edition, meybrands, Berlin 2026. ISBN 9798247074557.
  2. Weinberg, M. S., Williams, C. J. & Calhan, C. (1994): Homosexual foot fetishism. Archives of Sexual Behavior 23(6). doi:10.1007/BF01541815
  3. Weinberg, M. S., Williams, C. J. & Calhan, C. (1995): „If the shoe fits …“: Exploring male homosexual foot fetishism. Journal of Sex Research 32(1). doi:10.1080/00224499509551770
  4. Seto, M. C. et al. (2021): Concordance of Paraphilic Interests and Behaviors. Journal of Sex Research 58(4). doi:10.1080/00224499.2020.1830018

Im Buch vertiefen

Von der Frage zur eigenen Geschichte.

„Bin ich normal?“ verbindet sachliche Einordnung mit persönlichen Erfahrungen und Perspektiven für Beziehungen.

Das deutsche Buch ansehen
Bin ich normal?

Dieser Beitrag darf Kreise ziehen

Gutes Wissen wird stärker, wenn es geteilt wird.

Verlinke diesen Originalartikel als weiterführende Quelle – mit einem Klick kopierst du die eindeutige Adresse.