01 · Sexualität
Einleitung
Beides ist möglich, und du musst dich überhaupt nicht als Fetischist bezeichnen. Ein Begriff kann entlasten, weil er dir eine Sprache gibt und zeigt, dass du nicht allein bist. Er kann aber auch einengen, wenn du anfängst, dich ausschließlich über ihn zu definieren. Ob ein Label dir hilft, hängt davon ab, wie du es benutzt.
02 · Sexualität
Was ein Label leisten kann
Für viele Menschen ist es eine große Erleichterung, endlich ein Wort für etwas zu haben, das sie lange nicht benennen konnten. Ein Begriff kann:
- Klarheit geben. Du verstehst besser, was in dir vorgeht, und kannst es von anderen Dingen unterscheiden.
- Verbindung schaffen. Wer ein Wort für seine Vorliebe hat, findet leichter Menschen, denen es ähnlich geht.
- Gespräche erleichtern. Mit einem Begriff lässt sich einer Partnerin oder einer Fachperson schneller erklären, worum es geht.
- Scham verringern. Was einen Namen hat, wirkt oft weniger bedrohlich als etwas Unbenanntes.
03 · Sexualität
Wo ein Label zur Last werden kann
Genauso kann ein Begriff Druck erzeugen. Manche Menschen haben das Gefühl, mit dem Wort „Fetischist“ ein ganzes Paket an Erwartungen übernehmen zu müssen: bestimmte Vorlieben, bestimmte Praktiken, ein bestimmtes Selbstbild. Andere fühlen sich durch das Wort abgewertet, weil es in der Umgangssprache oft mit Klischees verbunden ist.
In meinem Buch beschreibe ich außerdem einen Denkfehler, der viel Druck erzeugen kann. Wer seinen Fetisch zum Kern seiner Identität erklärt, macht ihn größer, als er ist. Jede Veränderung, jede Phase mit weniger Lust, jede Ablehnung wird dann zu einer Bedrohung für das eigene Selbstbild. Wer sich ausschließlich über seinen Fetisch definiert, erlebt Verlust schnell als Identitätskrise.
04 · Sexualität
Ein Werkzeug, kein Urteil
Ich verstehe Begriffe als Werkzeuge. Sie sollen dir dienen, nicht du ihnen. Ein Label beschreibt einen Teil deiner Sexualität, nicht deinen ganzen Menschen. Du kannst es benutzen, wenn es dir nützt, und beiseitelegen, wenn es dich einengt.
Auch die Forschung unterscheidet sehr genau zwischen mehreren Ebenen: dem Interesse an einem Reiz, den Fantasien dazu, dem tatsächlichen Verhalten und der Art, wie sich jemand selbst bezeichnet. Das Selbstverständnis ist also eine eigene Ebene. Wer ein starkes Interesse an Füßen hat, muss sich nicht Fetischist nennen. Und wer sich so nennt, muss nicht jede Spielart teilen, die mit dem Wort verbunden wird.
Wie wenig ein Label über die Stärke einer Vorliebe aussagt, zeigen Studien von Giselle Rees und Justin Garcia. Die Mehrheit der Menschen, die sich selbst einen Objektfetisch zuschrieben, gab an, auch ohne ihr Fetischobjekt erregt und sexuell aktiv zu sein. Die Befragten hatten sich selbst gemeldet, repräsentativ ist das also nicht. Es zeigt aber, dass sich unter demselben Wort sehr unterschiedliche Erfahrungen verbergen.
05 · Sexualität
Es gibt mehr als ein Wort
Wenn dir „Fetischist“ nicht passt, gibt es andere Möglichkeiten. Du kannst von einer Vorliebe sprechen, von einem Kink, von einer Leidenschaft für Füße oder Schuhe. Oder du verzichtest ganz auf ein Etikett und beschreibst einfach, was dir gefällt. Jede dieser Varianten ist legitim.
06 · Sexualität
Wie ich es selbst halte
Ich spreche heute offen von meinem Fuß- und Schuhfetisch, weil dieses Wort für mich am genauesten beschreibt, was ich erlebe. Für mich hat es sich als hilfreich erwiesen, in Gesprächen, in Beziehungen und in meiner Arbeit. Aber es ist nur ein Teil dessen, wer ich bin. Ich bin auch Ehemann, Vater, Fotograf, Autor und vieles mehr.
07 · Sexualität
Fragen, die dir bei der Entscheidung helfen
Wenn du unsicher bist, ob ein Label für dich passt, können diese Fragen helfen:
- Fühle ich mich mit dem Wort erleichtert oder eher eingeengt?
- Hilft es mir, mit anderen zu sprechen, oder brauche ich es dafür gar nicht?
- Beschreibt es einen Teil von mir, oder habe ich das Gefühl, dass es mich ganz ausmacht?
- Würde ich es auch in ein paar Jahren noch passend finden?
08 · Sexualität
Was bleibt
Ein Label ist ein Angebot, keine Pflicht. Es kann dir helfen, dich selbst zu verstehen und dich mit anderen zu verbinden. Es darf dich aber nie kleiner machen, als du bist. Die wichtigere Frage ist ohnehin nicht, wie du dich nennst, sondern wie du mit deiner Sexualität lebst.
Quellen
Quellen
- Markus M. Mey: BIN ICH NORMAL? Fuß- und Schuhfetisch verstehen. Erste Edition, meybrands, Berlin 2026. ISBN 9798247074557.
- Rees, G. & Garcia, J. R. (2017): All I Need is Shoe: An Investigation into the Obligatory Aspect of Sexual Object Fetishism. International Journal of Sexual Health 29(4). doi:10.1080/19317611.2017.1309483
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