01 · Sexualität
Einleitung
**Der entscheidende Unterschied liegt in der Erregung.** Wer Schuhe liebt, sammelt oder mit Begeisterung trägt, hat deshalb noch lange keinen Schuhfetisch. Von einem Fetisch spricht man erst, wenn Schuhe für die sexuelle Erregung eine besondere Rolle spielen. Die Übergänge können fließend sein, und manches überschneidet sich. Ein paar Fragen helfen beim Sortieren.
02 · Sexualität
Ein Wort, viele Bedeutungen
Das Wort „Fetisch“ wird im Alltag geradezu inflationär verwendet. Man spricht von einem Modefetisch, einem Technikfetisch oder eben einem Schuhfetisch, wenn jemand besonders viele Schuhe besitzt. Wenn eine Frau sagt, sie habe einen Schuhfetisch, meint sie in aller Regel ihre Freude am Kaufen, Sammeln oder Tragen. Mit sexueller Erregung hat das nichts zu tun. Es ist Ausdruck von Stil, Ästhetik und Selbstbild.
Diese Unschärfe ist harmlos, führt aber zu Missverständnissen. Menschen mit einem echten sexuellen Schuhfetisch fühlen sich dadurch manchmal nicht ernst genommen. Und Menschen, die Schuhe einfach lieben, fragen sich plötzlich, ob mit ihnen etwas nicht stimmt.
03 · Sexualität
Vier Menschen, vier Beziehungen zu Schuhen
Stell dir vier Menschen vor, die alle viel Geld und Zeit in Schuhe investieren.
**Die Modebewusste** kauft neue Schuhe, weil sie ihr Outfit vollenden, ihre Stimmung ausdrücken und ihr ein gutes Gefühl geben. Sie trägt sie gern, zeigt sie gern, und manchmal kauft sie mehr, als sie braucht. Erotisch sind die Schuhe für sie nicht.
**Der Sammler** jagt seltene Sneaker-Editionen, kennt jedes Modell und bewahrt seine Schätze sorgfältig auf. Ihn reizen Seltenheit, Wert und Geschichte. Auch hier spielt Erregung keine Rolle.
**Der Ästhet** bewundert Schuhe als Design, als Kunst, als Form. Ein Fotograf, ein Designer oder einfach jemand mit einem Blick für Schönheit. Bei ihm kann es Berührungspunkte zur Erotik geben, aber im Mittelpunkt steht die Wahrnehmung von Schönheit.
**Der Fetischist** erlebt Schuhe als Auslöser sexueller Erregung. Der Anblick eines bestimmten Schuhs, getragen von einer bestimmten Person, setzt eine Fantasie in Gang. Schuhe tauchen in seinen sexuellen Vorstellungen auf und spielen vielleicht auch beim Sex eine Rolle.
04 · Sexualität
Wo sich das überschneidet
In der Wirklichkeit sind die Grenzen oft weniger scharf. Ich selbst bin ein gutes Beispiel. Als Fotograf habe ich Schuhe über Jahrzehnte ästhetisch inszeniert und jede Gelegenheit genutzt, High Heels ins Bild zu bringen, nicht plakativ, sondern als selbstverständlichen Teil der Bildwelt. Gleichzeitig ist mein Schuhfetisch eindeutig sexuell. Beides hat sich gegenseitig beeinflusst. Durch die Modefotografie verloren günstige High Heels für mich ihren Reiz, und heute erregen mich vor allem hochwertige Designerschuhe.
Auch das Tragen ist kein eindeutiges Kriterium. Nach meiner Erfahrung reagieren die meisten Männer mit Schuhfetisch auf Schuhe an anderen, vor allem an Frauen. Nachdem ich meine dominante Seite entdeckt hatte, fand ich aber auch Cowboystiefel an meinen eigenen Füßen erregend.
05 · Sexualität
Fragen zum Sortieren
Wenn du unsicher bist, wo du dich wiederfindest, können dir diese Fragen helfen:
Wer die ersten beiden Fragen klar verneint, hat eher eine Leidenschaft für Mode, Design oder Sammeln. Wer sie bejaht, bewegt sich im Bereich einer sexuellen Vorliebe oder eines Fetischs.
- Löst der Anblick oder die Berührung bestimmter Schuhe bei dir sexuelle Erregung aus?
- Tauchen Schuhe in deinen sexuellen Fantasien auf, auch ohne dass du sie gerade siehst?
- Geht es dir vor allem um dein eigenes Aussehen und deinen Stil, oder um die Wirkung, die Schuhe an einem anderen Menschen haben?
- Fehlt dir beim Sex etwas, wenn Schuhe keine Rolle spielen?
- Ist das Sammeln für dich Selbstzweck, oder gehört es zu deinem erotischen Erleben?
06 · Sexualität
Vorliebe oder Fetisch?
Auch innerhalb des Sexuellen gibt es ein Spektrum. Eine Vorliebe erweitert die Sexualität, ist angenehm, aber nicht zwingend nötig. Ein Fetisch ist meist stabiler und kann eine zentrale Funktion für die Erregung übernehmen. Für manche ist er ein wichtiger Zugang zur Lust, für andere ein zusätzlicher Reiz unter vielen. Selbst wer sich einen Fetisch zuschreibt, braucht sein Objekt nicht zwingend. In Studien von Giselle Rees und Justin Garcia gab die Mehrheit der Befragten mit einem Objektfetisch an, auch ohne dieses Objekt erregt zu werden. Die Teilnehmenden hatten sich selbst gemeldet, repräsentativ ist das also nicht.
Wo genau du stehst, musst du nicht abschließend klären. Ein Etikett ist ein Werkzeug, kein Urteil. Wichtiger ist, dass du verstehst, was dich bewegt, und gut damit umgehst.
Quellen
Quellen
- Markus M. Mey: BIN ICH NORMAL? Fuß- und Schuhfetisch verstehen. Erste Edition, meybrands, Berlin 2026. ISBN 9798247074557.
- Rees, G. & Garcia, J. R. (2017): All I Need is Shoe: An Investigation into the Obligatory Aspect of Sexual Object Fetishism. International Journal of Sexual Health 29(4). doi:10.1080/19317611.2017.1309483
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