01 · Fetische
Einleitung
Eine genaue Zahl gibt es nicht, aber du bist mit diesem Fokus ganz sicher nicht allein. Schuhe und Stiefel gehören zu den sichtbarsten Themen, wenn Menschen online über Fetische sprechen. Über dich als Person sagt die Häufigkeit dagegen nichts aus. Ob ein Fetisch selten oder verbreitet ist, hat mit deinem Wert, deiner Gesundheit oder deiner Beziehungsfähigkeit nichts zu tun.
02 · Fetische
Warum es keine seriöse Zahl gibt
Um zu wissen, wie viele Menschen einen Schuh- oder Stiefelfetisch haben, bräuchte man eine große, repräsentative Befragung, die genau danach fragt. Eine solche Studie gibt es bis heute nicht. Bevölkerungsstudien zu ungewöhnlichen sexuellen Interessen, etwa aus der kanadischen Provinz Québec, aus Tschechien oder aus dem Kanton Zürich, fassen Fetische meist in breiten Kategorien zusammen. Schuhe und Stiefel tauchen darin nicht als eigene Zahl auf.
Dazu kommt, dass man sehr genau unterscheiden müsste, wonach man fragt. Wer Stiefel schon einmal erregend fand, ist etwas anderes als jemand, der regelmäßig entsprechende Fantasien hat, und das wiederum etwas anderes als jemand, der seinen Fetisch aktiv lebt.
03 · Fetische
Was die vorhandenen Daten zeigen
Einen Hinweis liefert eine Untersuchung von Claudia Scorolli und Kollegen aus dem Jahr 2007. Das Team wertete 381 Online-Diskussionsgruppen zu Fetischen aus. Füße und damit verbundene Gegenstände wie Schuhe und Socken bildeten dort zusammen die sichtbarste Einzelkategorie. Das zeigt, wie präsent das Thema im Netz ist. Wie viele Menschen in der Bevölkerung einen Schuhfetisch haben, lässt sich daraus aber nicht ablesen, denn Gruppen sind keine Personen.
Auch große Fetisch-Plattformen zeigen, wie vernetzt diese Welt ist. Eine Auswertung zählte Anfang 2014 allein auf einer solchen Plattform über 500.000 europäische Profile. Über die Verbreitung in der Bevölkerung sagt auch das nichts, wohl aber über die Zahl der Menschen, die sich mit Fetischen beschäftigen.
04 · Fetische
Was ich selbst beobachtet habe
Für ein Experiment habe ich zwei Jahre lang ein Instagram-Profil geführt, auf dem ich mich als heterosexueller Mann mit dominanter Neigung und ausgeprägtem Stiefelfetisch gezeigt habe. Unter den rund 1.600 echten Followern waren etwa 1.500 Männer, überwiegend homosexuell, dazu einige Dutzend heterosexuelle. Frauen mit einem echten sexuellen Schuh- oder Stiefelfetisch meldeten sich in dieser Zeit genau drei.
Das ist keine Studie, sondern eine persönliche Beobachtung. Sie hat mir aber gezeigt, wie viele Männer sich von Stiefeln angesprochen fühlen, und zwar quer durch alle sexuellen Orientierungen.
05 · Fetische
Stiefel und die Wirkung, die sie haben
Dass gerade Stiefel so viele Menschen ansprechen, überrascht mich nicht. Stiefel wirken massiv, kraftvoll und präsent. Sie umschließen das Bein, verändern den Gang und machen Haltung sichtbar. Für viele Menschen mit Schuhfetisch sind sie deshalb eng mit dem Spiel von Dominanz und Hingabe verbunden. Das muss nicht so sein, aber es erklärt, warum Stiefel in der Fantasie vieler Menschen eine besondere Rolle spielen. Und auch innerhalb der Stiefelliebhaber sind die Vorlieben sehr verschieden, vom Reiterstiefel über den Overknee bis zum Cowboystiefel.
06 · Fetische
Was die Häufigkeit über dich sagt
Nichts Entscheidendes. Ob ein Fetisch selten oder weit verbreitet ist, beschreibt nur, wie viele andere ähnlich empfinden. Über deinen Charakter, deine Reife oder deine Fähigkeit zu lieben sagt das nichts. Normalität ist ein statistischer Begriff, und im persönlichen Erleben trägt er wenig. Seit 2022 führt die Weltgesundheitsorganisation Fetischismus zudem nicht mehr als eigene Diagnose.
Viel wichtiger als die Frage, wie viele es sind, ist die Frage, wie es dir mit deinem Fetisch geht. Kannst du ihn als Teil von dir annehmen? Lebst du ihn so, dass alle Beteiligten einverstanden sind?
07 · Fetische
Warum man sich trotzdem allein fühlt
Dass sich viele Menschen mit einem Schuh- oder Stiefelfetisch allein fühlen, liegt vor allem daran, dass kaum jemand offen darüber spricht. Das Schweigen der anderen sieht dann aus wie ihr Fehlen. Das Internet hat daran viel verändert. Heute können Menschen mit ähnlichen Vorlieben sich finden und merken, dass sie keineswegs die Einzigen sind. Für viele ist genau diese Erfahrung eine große Entlastung.
Quellen
Quellen
- 1. Markus M. Mey: BIN ICH NORMAL? Fuß- und Schuhfetisch verstehen. Erste Edition, meybrands, Berlin 2026. ISBN 9798247074557.
- 2. Scorolli, C. et al. (2007): Relative prevalence of different fetishes. International Journal of Impotence Research 19(4), 432–437. doi:10.1038/sj.ijir.3901547
- 3. Fay, D. et al. (2016): An Exploration of Fetish Social Networks and Communities. Advances in Network Science. doi:10.1007/978-3-319-28361-6_17
- 4. Joyal, C. C. & Carpentier, J. (2017): The Prevalence of Paraphilic Interests and Behaviors in the General Population: A Provincial Survey. Journal of Sex Research 54(2). doi:10.1080/00224499.2016.1139034
- 5. Bártová, K. et al. (2021): The Prevalence of Paraphilic Interests in the Czech Population. Journal of Sex Research 58(1). doi:10.1080/00224499.2019.1707468
- 6. Baier, D. (2024): Paraphilic Interests in the Swiss Population: Results of a Representative Survey in the Canton of Zurich. Journal of Psychosexual Health 6(2). doi:10.1177/26318318241255783
- 7. World Health Organization: ICD-11 for Mortality and Morbidity Statistics, Paraphilic disorders (6D30–6D36), Release 2025-01. icd.who.int
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