01 · Beziehung und Sexualität
Einleitung
Bedürfnisse dürfen unvereinbar sein. Das ist unbequem, aber es ist ehrlicher als die Vorstellung, zwei Menschen, die sich lieben, müssten sexuell automatisch zusammenpassen. Kompatibilität entsteht nicht dadurch, dass einer sich verbiegt. Sie entsteht dadurch, dass beide klar sehen, was sie brauchen, und dann gemeinsam entscheiden, was daraus folgt.
02 · Beziehung und Sexualität
Der Denkfehler der Passung
In meinem Buch nenne ich eine Erwartung, die viele Paare unter Druck setzt, den „Denkfehler der sexuellen Passung“. Gemeint ist die Annahme, dass Liebe und sexuelle Übereinstimmung zusammengehören. Wenn es im Bett nicht passt, so die Logik, muss mit der Liebe etwas nicht stimmen.
Das ist falsch. Menschen können sehr unterschiedliche sexuelle Ordnungen haben und sich trotzdem tief verbunden fühlen. Ich beschreibe jede Beziehung als Begegnung zweier Libidosen, also zweier innerer Sammlungen dessen, was einen Menschen erregt. Dass sich diese Sammlungen nicht vollständig decken, ist kein Beziehungsfehler. Das gilt für Paare mit und ohne Fetisch.
03 · Beziehung und Sexualität
Sexualität ist ein Teil, nicht das Ganze
So wichtig Sexualität ist, sie ist nur eine von vielen Komponenten einer Beziehung. Liebe, gemeinsame Interessen, gemeinsame Ziele, Vertrauen und der Alltag entscheiden mindestens genauso darüber, ob eine Partnerschaft glücklich ist. Es kann vorkommen, dass es mit dem Fetisch wunderbar läuft und ein Paar trotzdem aus ganz anderen Gründen scheitert. Und umgekehrt kann eine Beziehung auch dann tragen, wenn der Fetisch in ihr nur wenig Raum hat.
Bevor ihr die Frage der Kompatibilität allein am Fetisch festmacht, lohnt sich deshalb ein Blick auf das Ganze.
04 · Beziehung und Sexualität
Manchmal ist nicht der Fetisch das Problem
Ein Fuß- oder Schuhfetisch ist oft mit dem Spiel von Dominanz und Hingabe verbunden. Nach meiner Erfahrung liegt die eigentliche Unvereinbarkeit deshalb manchmal gar nicht beim Fetisch, sondern bei der Rollenverteilung. Wenn beide sich im Grunde ein führendes Gegenüber wünschen, bleibt die Frage offen, wer diesen Part übernimmt. Wer das erkennt, sucht die Lösung an der richtigen Stelle.
05 · Beziehung und Sexualität
Anpassen, aber nicht verbiegen
Anpassung gehört zu jeder Beziehung. Die Frage ist, wo sie in Selbstaufgabe umschlägt. Ein hilfreiches Bild ist für mich die 50/50-Regel. Beide bringen ihre Wünsche und Fantasien ein, und beide bekommen Raum. Wenn nur einer gibt und der andere nimmt, entsteht auf Dauer Unzufriedenheit, auch wenn es anfangs wie ein Kompromiss aussieht.
Oft zeigt sich diese Schieflage nicht als offener Streit. Wenn jemand das Gefühl hat, funktionieren zu müssen, damit die Beziehung hält, äußert sich der innere Widerstand eher als Lustlosigkeit, Rückzug oder emotionale Distanz. Das sind Signale, die ihr ernst nehmen solltet.
06 · Beziehung und Sexualität
Drei Fragen zur Klärung
Um herauszufinden, wie weit eure Bedürfnisse wirklich auseinanderliegen, helfen drei ehrliche Fragen, die jeder für sich und dann gemeinsam beantwortet:
Aus der Forschung gibt es dazu einen ermutigenden Hinweis. In Studien von Giselle Rees und Justin Garcia gab die Mehrheit der Befragten mit einem Objektfetisch an, auch ohne ihr Fetischobjekt sexuell erregt und aktiv zu sein. Die Befragten hatten sich selbst gemeldet, verallgemeinern lässt sich das also nicht. Es zeigt aber, dass die Lücke oft kleiner ist, als man befürchtet.
- Was brauche ich wirklich? Nicht alles, was einen erregt, ist gleich wichtig. Welcher Teil des Fetischs ist für mich unverzichtbar, welcher wäre schön, aber verhandelbar?
- Was kann ich geben, ohne mich zu verbiegen? Wo liegt meine Grenze, und wo bin ich offen für Neues?
- Wie groß ist die Lücke tatsächlich? Oft wirkt der Abstand im Kopf größer, als er ist. Für die Partnerin kann ein Fetisch viel bedrohlicher erscheinen, als er gemeint ist.
07 · Beziehung und Sexualität
Drei Wege, die alle in Ordnung sind
Manche Paare binden den Fetisch aktiv in ihr Sexualleben ein. Andere lassen ihn bewusst im Hintergrund, etwa als etwas, das der Partner für sich lebt. Wieder andere entscheiden sich, ihn gar nicht gemeinsam auszuleben. Alle drei Wege sind legitim, solange sie auf gegenseitigem Respekt beruhen und niemand dabei seine eigenen Bedürfnisse verleugnet.
08 · Beziehung und Sexualität
Wenn es keine Mitte gibt
Manchmal zeigt sich, dass es keine gemeinsame Mitte gibt. Das ist schmerzhaft, und es kann bedeuten, dass eine Beziehung an ihre Grenze kommt. Dann ist es ehrlicher, diese Unterschiedlichkeit anzuerkennen, ohne einem von beiden die Schuld zu geben, als sich über Jahre gegenseitig zu verbiegen. Bevor ihr so eine Entscheidung trefft, kann eine Paar- oder Sexualtherapie helfen, noch einmal genau hinzusehen. Oft zeigt der Blick von außen Möglichkeiten, die man allein übersehen hat.
Quellen
Quellen
- 1. Markus M. Mey: BIN ICH NORMAL? Fuß- und Schuhfetisch verstehen. Erste Edition, meybrands, Berlin 2026. ISBN 9798247074557.
- 2. Rees, G. & Garcia, J. R. (2017): All I Need is Shoe: An Investigation into the Obligatory Aspect of Sexual Object Fetishism. International Journal of Sexual Health 29(4). doi:10.1080/19317611.2017.1309483
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