01 · Sexualität und Familie
Einleitung
Zuerst, indem du dir klarmachst, dass ein ausgeprägtes Interesse an Schuhen noch lange kein Fetisch ist. Und dann, indem du dich fragst, ob überhaupt ein Gespräch nötig ist. Bei Erwachsenen ist die Sexualität ihre Privatsache. Ein Gespräch lohnt sich vor allem dann, wenn du dir Sorgen um das Wohlbefinden eines Familienmitglieds machst oder wenn andere betroffen sind.
02 · Sexualität und Familie
Schuhliebe ist nicht gleich Schuhfetisch
Viele Menschen lieben Schuhe. Sie sammeln sie, kaufen mehr, als sie brauchen, pflegen sie sorgfältig oder kennen jedes Modell ihrer Lieblingsmarke. Umgangssprachlich wird das oft als „Schuhfetisch“ bezeichnet. Mit einem sexuellen Fetisch hat das in aller Regel nichts zu tun. Es ist Ausdruck von Stil, Ästhetik, Sammelleidenschaft oder Selbstbild.
Von einem Fetisch im eigentlichen Sinn spricht man erst, wenn Schuhe für die sexuelle Erregung eine besondere Rolle spielen. Und genau das kann man von außen fast nie erkennen. Eine große Schuhsammlung beim Bruder, die Leidenschaft der Schwester für High Heels oder die Sneaker-Regale des erwachsenen Sohnes sagen darüber nichts aus.
03 · Sexualität und Familie
Warum voreilige Schlüsse schaden
Wer einem Familienmitglied vorschnell einen Fetisch unterstellt, kann viel Schaden anrichten. Selbst wenn die Vermutung zutrifft, fühlt sich der andere womöglich bloßgestellt. Wenn sie nicht zutrifft, entsteht ein peinliches Missverständnis, das lange nachwirken kann. Und in beiden Fällen wird ein Thema berührt, das zu den privatesten überhaupt gehört.
04 · Sexualität und Familie
Erwachsene haben ein Recht auf Privatsphäre
Bei erwachsenen Familienmitgliedern gilt ein einfacher Grundsatz: Ihre Sexualität geht dich nichts an, solange sie niemandem schaden. Das gilt auch dann, wenn du zufällig etwas entdeckst, etwa Bilder, Einkäufe oder Nachrichten. Ein Fetisch ist keine Krankheit. Seit 2022 führt die Weltgesundheitsorganisation Fetischismus nicht mehr als eigene Diagnose. Es gibt deshalb keinen Grund, das Thema anzusprechen, nur weil du etwas vermutest.
Ich selbst habe meinen Schuhfetisch in meinen Dreißigern öffentlich gemacht. Das war meine Entscheidung. Genauso darf jeder Mensch selbst entscheiden, ob und wem er davon erzählt, auch innerhalb der Familie.
05 · Sexualität und Familie
Wann ein Gespräch sinnvoll sein kann
Es gibt Situationen, in denen es richtig sein kann, das Thema behutsam anzusprechen:
- **Wenn du dir Sorgen um das Wohlbefinden machst.** Etwa wenn sich jemand zurückzieht, sehr niedergeschlagen wirkt oder offenbar mit etwas ringt.
- **Wenn Geld oder Alltag leiden.** Zum Beispiel, wenn Käufe außer Kontrolle geraten.
- **Wenn andere betroffen sind.** Etwa wenn Schuhe anderer verschwinden oder jemand ungefragt fotografiert wird.
- **Wenn es um Kinder oder Jugendliche geht.** Dann gelten eigene Regeln, und es lohnt sich, sich zunächst selbst beraten zu lassen.
06 · Sexualität und Familie
Wie du das Gespräch führen kannst
Wenn du dich für ein Gespräch entscheidest, hilft es, nicht beim Fetisch anzufangen, sondern beim Befinden:
Vermeide Begriffe wie „Fetisch“ oder gar „pervers“. Frag nicht nach sexuellen Details. Und akzeptiere, wenn dein Gegenüber nicht darüber sprechen möchte. Ein Angebot, für ihn da zu sein, ist oft wertvoller als eine direkte Konfrontation.
- „Ich habe den Eindruck, dass dich etwas beschäftigt. Magst du darüber reden?“
- „Mir ist aufgefallen, dass du dich zurückziehst. Ich mache mir Sorgen um dich.“
- „Egal, worum es geht, ich bin für dich da und werde dich nicht verurteilen.“
07 · Sexualität und Familie
Wenn es ein Kind betrifft
Wenn du bei einem Kind ein starkes Interesse an Schuhen, Füßen oder Socken beobachtest, gilt noch mehr Vorsicht. Bei Kindern hat so ein Interesse fast immer mit Neugier, Spiel und Sinneserfahrung zu tun, nicht mit Sexualität im Sinne Erwachsener. Wenn du dir Sorgen machst, sprich zuerst mit den Eltern oder, als Elternteil, mit einer Erziehungsberatungsstelle oder der Kinderärztin.
08 · Sexualität und Familie
Wenn es um dich selbst geht
Vielleicht liest du diesen Text auch aus einem anderen Grund: weil du selbst eine starke Vorliebe für Schuhe hast und dich fragst, ob deine Familie das merken könnte oder ob du es ihr sagen solltest. Dann gilt dasselbe in umgekehrter Richtung. Deine Sexualität ist deine Privatsache, und du entscheidest, wem du davon erzählst.
09 · Sexualität und Familie
Was bleibt
Behutsamkeit heißt in diesem Fall vor allem: nicht zu schnell etwas zu vermuten, nicht zu schnell etwas zu benennen und die Privatsphäre anderer zu achten. Wer mit offenen Fragen statt mit fertigen Urteilen kommt, schafft einen Raum, in dem sich ein Familienmitglied öffnen kann, wenn es das möchte.
Quellen
Quellen
- 1. Markus M. Mey: BIN ICH NORMAL? Fuß- und Schuhfetisch verstehen. Erste Edition, meybrands, Berlin 2026. ISBN 9798247074557.
- 2. World Health Organization: ICD-11 for Mortality and Morbidity Statistics, Paraphilic disorders (6D30–6D36), Release 2025-01. icd.who.int
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